Flammarions Holzstich
Flammarions Holzstich, auch Wanderer am Weltenrand oder im Französischen au pèlerin ("auf Pilgerschaft") genannt, ist das Werk eines unbekannten Künstlers. Der Holzstich erschien erstmals 1888 als Illustration in dem Kapitel La forme du ciel ("Die Form des Himmels") des populärwissenschaftlichen Bandes L’atmosphère. Météorologie populaire ("Die Atmosphäre. Populäre Meteorologie") des französischen Autors, Astronomen und Gründungspräsidenten der Société Astronomique de France Camille Flammarion.
Die Darstellung zeigt einen Menschen, der am Horizont als dem Rande seiner Welt mit den Schultern in der Himmelssphäre steckt und dahinter Befindliches erblickt. Das Bild wurde im 20. Jahrhundert häufig für die authentische Darstellung eines mittelalterlichen Weltbildes gehalten und oft reproduziert.
Illustration und Kontext
Der Holzstich wurde zuerst 1888 in der dritten Ausgabe von Camille Flammarions Werk L’Atmosphère. Météorologie populaire veröffentlichtCamille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m.image.f168 L’atmosphère. Météorologie populaire]. Paris 1888, S.163 und ist eine von über dreihundert Abbildungen in diesem Band, der sechs Bücher zusammenfasst. Dem Titelblatt des gesamten Bandes vorangestellt ist ein kolorierter Stich Les perspectives aériennes, der unter nahezu wolkenlosem Himmel eine hügelige Landschaft zeigt, gesehen von einem erhöhten Standpunkt in der Biegung eines abfallenden unbefestigten Hohlwegs und auf den ersten Blick menschenleer.Camille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m.image.f3 Les perspectives aériennes, in L’atmosphère. Météorologie populaire NP]. Paris 1888, unpaginiert Das Blatt des Einleitungskapitels zu L'atmosphère zeigt über diesem Titel das Bild einer Ballonfahrt über den Wolken.Camille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f5.image L’atmosphère. Météorologie populaire Chapitre Préliminaire]. Paris 1888, S. 1. Der Text steht unter dem Motto « in ea vivimus, movemur et sumus » (lat., „In dieser leben wir, werden bewegt und sind“).Camille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f5.image L’atmosphère. Météorologie populaire Chapitre Préliminaire]. Paris 1888, S. 1. Im Unterkapitel La forme du ciel des Ersten Kapitels La jour ("Der Tag") des Zweiten Buches La lumière et les phénomènes optiques de l'air ("Das Licht und die optischen Phänomene der Luft") des über 800 Seiten umfassenden Bandes ist der Holzstich auf Seite 163 illustrierend eingesetzt.
Die Illustration, im Stil des strengen Historismus oder des 16. Jahrhunderts,Bruno Weber: Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes. In: Gutenberg-Jahrbuch 1973, S. 383–384, führt verschiedene Datierungsvorschläge auf kunsthistorischer Grundlage an, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert reichen. zeigt eine hügelige und bergige Landschaft mit mehreren Städten an einem See, überspannt von einem als gekappter Viertelbogen aufgeschnitten gezeigtem hemisphärischen Himmel mit strahlender Sonne, sichelförmigem Mond und zahlreichen Sternen, sowie im Vordergrund links vor einem Baum auf einer Anhöhe einen knienden Beobachter, fast im Vierfüßlerstand, der nach links die Sphäre durchdringt und mit den Schultern in dieser steckt, etwa an der Stelle, wo die Sphäre des Himmels dem Rand der Oberfläche der Erde anliegt. Von einer anscheinend flachen Erdscheibe blickt diese Person, mit Kopfbedeckung, langem Mantel und kurzem Schulterumhang bekleidet und sandalenähnliches Schuhwerk an den bloßen Füßen tragend, auf mehrere kreisähnliche, voneinander abgesetzte und aufeinanderfolgende Streifen oder Schichten, die flammenförmig und wolkenförmig ausgestaltet sind, und in oder auf denen zwei Scheiben und ein Paar ineinandergefügter Räder zu liegen scheinen. Den Stock linker Hand hält dieser Wanderer nicht mehr fest, mit der ausgestreckten Rechten macht er eine tastende oder grüßende Geste; der Gesichtsausdruck bleibt dem Bildbetrachter in dieser Perspektive entzogen. Ganz im Vordergrund, etwa in Höhe des früheren Standortes der nun auf die Knie gefallenen Person, ist am unteren Bildrand eine etwas rätselhafte Stelle zu sehen, wo die Bodendecke zu fehlen scheint.
Das Bild wird durch einen auffallenden Rahmen gefasst, in den verschiedene Ornamente und Figuren eingelassen sind sowie zu beiden Seiten je eine Säule mit einem Aufsatz, ähnlich dem eine Kreuzblume tragenden Turm gotischer Kathedralen; im unteren Rahmenbereich ist eine buchähnlich aufgeschlagene Schriftrolle zu sehen, die allerdings keine Zeichen trägt. Der Abbildung fehlt damit im Rahmen eine Legende, wie dem Kunstwerk als solchem eine Signatur.
In Flammarions Buch ist diese Illustration im Kapitel La forme du ciel auf Seitenmitte zwischen den Lauftext gesetzt und korrespondiert über die Lage ihrer Einfügung und über den angegebenen Untertitel mit einer Passage, die nach einer Beschreibung antiker und mittelalterlicher Vorstellungen des Himmels folgt, im Text auf der links nebenstehenden Seite.
Der Untertext zum Bild lautet im Original:{{Zitat-fr|Text=Un missionnaire du moyen âge raconte qu'il avait trouvé le point où le ciel et la Terre se touchent … |Übersetzung=Ein Missionar des Mittelalters erzählt, dass er den Punkt gefunden hat, wo der Himmel und die Erde sich berühren … |Autor=Camille Flammarion|Quelle=L’Atmosphère, Paris 1888, Seite 163Camille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m.image.f168 L’atmosphère. Météorologie populaire]. Paris 1888, S.163}}
Das Bild illustriert eine Textpassage der gegenüberliegenden Seite:{{Zitat-fr|Text= … Un naïf missionnaire du moyen âge raconte même que, dans un de ses voyages à la recherche du Paradis terrestre, il atteignit l'horizon où le ciel et la Terre se touchent, et qu'il trouva un certain point où ils n'étaient pas soudés, où il passa en pliant les épaules sous le couvercle des cieux. … |Übersetzung= … Ein naiver Missionar des Mittelalters erzählt sogar, dass er auf einer seiner Reisen auf der Suche nach dem irdischen Paradiese den Horizont erreichte, wo der Himmel und die Erde sich berühren, und dass er einen gewissen Punkt fand, wo sie nicht verschweißt waren, wo er hindurch konnte, indem er die Schultern unter das Himmelsgewölbe beugte. … |Autor=Camille Flammarion|Quelle=L’Atmosphère, Paris 1888, Seite 162|ref=Camille Flammarion: [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m.image.f167 L’atmosphère. Météorologie populaire]. Paris 1888, S. 162, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 330}}
In dieser Passage des Textes stellt Flammarion mit nur einem einzigen, zwischen Auslassungszeichen abgesetzten, Satz dem Leser eine Geschichte vor, in welcher eine hier als « missionaire » bezeichnete Person etwas Unglaubliches berichtet, das sie angeblich erlebt oder vollbracht hat.Diese Darstellung geht jedoch nicht auf eine Anekdote aus dem Mittelalter zurück.
Flammarion erzählte die Geschichte bereits – noch ohne die Illustration – in der 1872 erschienenen Ausgabe von L'AtmosphèreCamille Flammarion: L’atmosphère. Description des grands phénomènes de la nature, Paris 1872, [http://books.google.de/books?id=sDwAAAAAQAAJ&pg=PA138&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false S. 138]. wie auch sehr ähnlich in einigen anderen seiner Werke, so 1865 in Les mondes imaginaires et les mondes réels,Camille Flammarion: Les mondes imaginaires et les mondes réels, Paris 1865, [http://books.google.de/books?id=xDMJAAAAIAAJ&pg=PA328&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false S. 328]. in der 1872 gedruckten Histoire du cielCamille Flammarion: Histoire du ciel, Paris 1872, [http://books.google.de/books?id=vZsOAAAAQAAJ&pg=PA299&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false S. 299]. und 1884 in Les terres du ciel.Camille Flammarion: Les terres du ciel, Paris 1884, [http://books.google.de/books?id=efnH7h33qmYC&pg=PA395&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false S. 395] In diesen Geschichten, die jeweils immer nur aus einem einzigen Satz bestehen, ist die Person 1865 und 1872 ein „Anachoret“, ebenfalls 1872 « un intéressant missionnaire », 1888 nun « un naïf missionnaire »; 1884 waren es „einige Mönche“.
Als Quelle für die vorgetragene Erzählung dieser unerhörten Begebenheit verweist Flammerion auf eine Passage in den Lettres des französischen Skeptikers La Mothe Le Vayer, dessen 300. Geburtstag 1888 gefeiert wurde. Dieser spricht in den „Geographischen Bemerkungen“ (Brief 89, 1662) einleitend von seinem Ärger über die Weitergabe und schriftliche Wiedergabe angeblicher Erlebnisse oder offensichtlicher Lügenmärchen durch Reiseerzähler beziehungsweise Historiografen, die als Geografen auftreten.François de La Mothe le Vayer: Oeuvres de François de La Mothe Le Vayer, Bd. 2/3, 3. Auflage, Paris 1662, [http://books.google.com/books?id=Jj0_AAAAcAAJ&pg=PA777#v=onepage&f=false S. 777]. „Dieser gute Anachoret“ nennt er einen von diesen, wobei offen bleibt, ob damit nun Pytheas gemeint ist oder aber Vincent Le Blanc oder doch Fernao Mendes Pinto – der 1554 als Laienbruder des Jesuitenordens dessen Missionstätigkeit in Japan kräftig unterstützte, bevor er zur dort unter dem Vorwand einer religiösen Mission praktizierten kolonialistischen Ausbeutung ein kritisches Verhältnis gewann und den Orden verließ; die postum 1614 als Peregrinação (port., 'Pilgerreise') veröffentlichten Memoiren und Reiseberichte, von der Societas Jesu überarbeitet, brachten Mendes Pinto in den Ruf eines Aufschneiders (im Portugiesischen so als „Fernão, Mentes? Minto! (Fernão, lügst Du? Ich lüge!)“ auch anspielend auf das Kreter-Paradoxon). La Mothe Le Vayer lässt sich zuvor über eine von Strabon wiedergegebene Behauptung des Pytheas aus, nördlich von Thule das Bindemittel des Universums gefunden zu haben, und dessen „Unverschämtheit, darüber zu reden wie von einer Sache, die er gesehen hatte“.François de La Mothe le Vayer: Remarques Geographiques, [http://books.google.com/books?id=Jj0_AAAAcAAJ&pg=PA777#v=onepage&f=false ebenda] Anschließend erzählt er eine Anekdote, die sich am Rande der Welt zugetragen haben soll, ebenfalls knapp in einem Satz:{{Zitat-fr|Text=Ce bon Anachorete qui se vantoit d'avoir esté jusques au bout de Monde, disoit de mesme qu'il s'estoit veu contraint d'y ployer fort les épaules, à cause de l'union du Ciel & de la Terre dans cette extremité. Mais comme l'on trouve beaucoup de contes fabuleaux dans cette sorte de lecture, […]|Übersetzung=Dieser gute Anachoret, der sich brüstete bis an den Rand der Welt gekommen zu sein, erzählte gar, dass er sich gezwungen gesehen hätte dort kräftig die Schultern zu beugen, wegen der Vereinigung des Himmels und der Erde an diesem äußersten Ende. Doch wie man viele fabelhafte Geschichten findet in dieser Sorte von Lektüre, […]|Autor=François de La Mothe le Vayer|Quelle=Oeuvres, Remarques Geographiques (Lettre 89), Paris 1662, Seite 777François de La Mothe le Vayer: Remarques Geographiques, [http://books.google.com/books?id=Jj0_AAAAcAAJ&pg=PA777#v=onepage&f=false ebenda]}}
In enger Anlehnung an diese Textstelle erzählt Flammarion seine Geschichte und hebt den Bezug auf La Mothe Le Vayer in früheren Werken noch ausdrücklich hervor, so 1865 in Les mondes imaginaires et les mondes réels ("Die imaginären Welten und die wirklichen Welten"):{{Zitat-fr|Text= Pythéas en parlait comme d'une chose qu'il avait vue. […]
Ce fait nous rapelle le récit que Le Vayer rapporte dans ses Lettres. Il parait qu'un anachorète, probablement un neveu des Pères des déserts d'Orient, se vantait d'avoir été jusqu'au bout de monde et de s'être vu contraint d'y plier les épaules, à cause de la réunion du ciel et de la Terre dans cette extrémité. |Übersetzung= Pytheas sprach darüber wie von einer Sache, die er gesehen hatte. [...]
Dieser Sachverhalt ruft uns die Erzählung in Erinnerung, die Le Vayer in seinen Lettres vermeldet. Es scheint, dass ein Anachoret, wahrscheinlich ein Neffe der Pater der Wüsten des Ostens, sich brüstete, dass er bis an den Rand der Welt gekommen wäre und sich gezwungen gesehen hätte dort die Schultern zu beugen, wegen der Wiedervereinigung des Himmels und der Erde an diesem äußersten Ende. |Autor=Camille Flammarion|Quelle=Les mondes imaginaires et les mondes réels, Paris 1865, Seite 328|ref=siehe Camille Flammarion: Les mondes imaginaires et les mondes réels, Paris 1865, [http://books.google.de/books?id=xDMJAAAAIAAJ&pg=PA246&redir_esc=y#v=onepage&q=Le%20Vayer&f=false S. 328].}}
und so auch noch 1872 in Histoire du ciel ("Geschichte des Himmels"):{{Zitat-fr|Text= J'ai dans ma bibliothèque, interrompit le député, un ouvrage assez curieux: Les Lettres de Levayer. Je me souviens d'y avoir lu qu'un bon anachorête se vantait d'avoir été jusqu'au bout de monde, et du s'être vu contraint d'y plier les épaules, à cause de l'union du ciel et de la Terre dans cette extrémité. |Übersetzung= Ich habe in meiner Bibliothek, unterbrach der Abgeordnete, ein ziemlich kurioses Werk: Les Lettres de Levayer. Ich entsinne mich, dort gelesen zu haben, dass ein guter Anachoret sich brüstete bis an den Rand der Welt gekommen zu sein, und sich gezwungen gesehen hat dort die Schultern zu beugen, wegen der Vereinigung des Himmels und der Erde an diesem äußersten Ende. |Autor=Camille Flammarion|Quelle=Histoire du ciel, Paris 1872, Seite 299|ref=siehe Camille Flammarion: Histoire du ciel, Paris 1872, [http://books.google.de/books?hl=de&id=vZsOAAAAQAAJ&pg=PA299&sig=ACfU3U2r0PE3tOoAXXujJ7vs7MkeUEMw1Q&q=Levayer#search_anchor S. 299]}}
Im Band L’Atmosphère. Météorologie populaire fehlt hingegen ein Verweis auf Le Vayer in der abgewandelten Textpassagedesgleichen auch im Kapitel wie im gesamten Band; siehe Camille Flammarion: L’Atmosphère. Météorologie populaire, Paris 1888, [http://books.google.de/books?hl=de&id=ScDVAAAAMAAJ&q=Le+Vayer#search_anchor, 829 Seiten] – an die der Untertitel des gegenüber eingefügten Holzstichs sichtlich anknüpft – und ihr Zusammenhang mit dessen Lettres ist daher, auch in der im Gedenkjahr 1888 erschienenen neuen Ausgabe, nicht mehr unmittelbar ersichtlich,so bleibt der Bezug zu Le Vayer unberücksichtigt bei Weber, der 1973 als alleinige Quelle dieser Passage die Macarius-Legende vermutete; doch passen Legende und Bild nicht zusammen, wie Senger 2002 resümiert in Ludus Sapientiae, [http://books.google.de/books?id=Bk2CFYhvzPQC&lpg=PP1&hl=de&pg=PA323#v=onepage&q&f=false S.323]. so dass ein Leser erst mit weiteren Kenntnissen diesen Bezug zu den "Geographischen Bemerkungen" des Lettre 89 wieder erschließen kann, in dem die Skepsis gegenüber ungeprüft weitergegebenen Erzählungen thematisiert wird.
Daneben ging es Flammarion in diesem Zusammenhang wohl auch darum, eine Vorstellung des Himmelsgewölbes zu karikieren, nach der man durch Ersteigen von Bergen bis an den Rand der Atmosphäre gelangen könne. Dem stellt er seine eigenen Ballonfahrten gegenüber, höher hinauf als der Olymp, ohne an das Himmelszelt gestoßen zu sein.Senger 2002, S. 330 Verschiedene Überlegungen legen die Annahme nahe, dass Flammarion den illustrierenden Holzstich von einem Graphiker unsigniert anfertigen ließ, passend als Darstellung für eben diese Stelle in der Ausgabe des Jahres 1888. Als mittelalterlich missverstanden wurde die Abbildung erst nach Flammarions Todso durch den Astronomen Ernst Zinner, in Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurt 1957, 18.März. und derart − gelöst aus dem Kontext, entnommen ihrem Rahmen und ohne Blick auf die zugrundeliegende Fertigungstechnik – dann selbst zu einem Beispiel falscher Weitergabe und Wiedergabe.
Das Kapitel, in dem Flammarions Holzstich 1888 erstmals erscheint, behandelt auf den nachfolgenden Seiten die Form des Himmels unter verschiedenen Aspekten, wobei der Autor unter anderem Horizontlinie, Fluchtlinien und Fluchtpunkte perspektivischer Wiedergabe abhängig von der Beobachtungshöhe aufzeigt am Abbild einer Baumreihesiehe Camille Flammarion: L’Atmosphère. Météorologie populaire, [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f175.image S.170] sowie die scheinbare Wölbung des Himmels erläutert durch ein dem Holzstich ähnliches Schema.siehe Camille Flammarion: L’Atmosphère. Météorologie populaire, [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f177.image S.172] Im letzten Absatz fordert Camille Flammarion den Leser auf, noch einmal das Frontispiz zu betrachten – auf dem bei genauerem Hinsehen die Silhouette eines bergan oder bergab Wandernden mit Stab zu sehen istsiehe Camille Flammarion: L’Atmosphère. Météorologie populaire, [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f3.image Frontispiz] – und schließt mit dem Satz: „Es ist immer noch besser die Erde zu bewohnen als den Mond.“siehe Camille Flammarion: L’Atmosphère. Météorologie populaire, Zweites Buch, Erstes Kapitel La Jour, [http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k408619m/f179.image S.174]
Symbolik und Deutung
miniatur|[[Merkaba (16. Jahrhundert)]]
Gemäß dem mittelalterlichen Weltbild lag hinter den Himmelssphären, außerhalb des Fixsternhimmels, noch ein Kristallhimmel und darüber der Feuerhimmel (das empyreum).Camille Flammarion: L’atmosphère. Météorologie populaire, Paris 1888, S. 162. Flammarions Holzstich zeigt hier Dinge, zu deren Deutung und Benennung der Bildtext und die zugehörige Geschichte keine Erklärungen bieten. In der Bildenden Kunst findet sich keine unmittelbar vergleichbare Himmelsdarstellung. Der Stich zeigt unbekannte Sphären, zwei runde Gestirne – C. G. Jung sah darin 1958 „ein Urbild der Ufovision …, die projizierten «rotunda» der inneren, bzw. vierdimensionalen Welt“,Jung 1958, S. 96, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 331, Anm. 86. – sowie zwei in sich selbst laufende Räder, die C. G. Jung als die Merkaba EzechielsEzechiel {{BB|Hes|1|16}} deutete.Jung 1958, S. 96, auch rezipiert bei Senger 2002, S. 331, Anm. 90. Moderne Betrachter erwarten kein Gottesbild im Himmel und sehen hier „das Universum“, „Geräte“, einen „himmlischen Mechanismus“ und dergleichenSenger 2002, S. 331, Anm. 90 nennt Beispiele oder den „unbewegten Beweger“ oder „primum movens“, was als Vorstellung auf Aristoteles zurückgeht.Rudolf Simek, Erde und Kosmos im Mittelalter, Augsburg 2000.
Wirkungsgeschichte
Die Abbildung wurde erstmals 1903 auch in einem deutschsprachigen Werk verwendet und hier als „Mittelalterliche … Darstellung des Weltsystems“ bezeichnet.Senger 2002, S. 314 Sie wurde in der Folge in vielerlei Kontexten zur Illustration verwendet und dabei häufig als authentischer spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Holzschnitt betitelt. Fast stets wurde sie ohne Flammarions Schmuckrahmen gezeigt, teilweise zusätzlich im oberen Teil um Räder, Mond und Gestirne beschnitten.[http://oncle.dom.pagesperso-orange.fr/astronomie/erreurs/flammarion/organigramme.htm Private Sammlung zur Bildverwendung] Schließlich setzte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Stich ein, die dessen Urheberschaft, Authentizität und Datierung zum Thema hatte. Seit 1979 wurden von Künstlern auch kolorierte Fassungen gezeigt.[http://oncle.dom.pagesperso-orange.fr/astronomie/erreurs/flammarion/astres.htm Private Sammlung mit 21 verschieden kolorierten Fassungen]
Die Vorstellung von einer mittelalterlichen Flacherdelehre ist historisch nicht fundiert. Sie entstand vielmehr erst nach dem Mittelalter aus dem Bedürfnis der Neuzeit, sich polemisch von der vorhergehenden Zeit abzugrenzen. So entwickelte sich zumal im 19. Jahrhundert die Vorstellung von einem „dunklen Mittelalter“, in dem unter den Verwüstungen der Völkerwanderung sowie der dogmatischen Zensur der Kirche die Bildung der Antike verloren gegangen sei und auch die antiken Erkenntnisse über die Kugelgestalt der Erde dem Bild einer flachen Erde als Scheibe gewichen sein sollen.
Literatur
* Carl Gustav Jung: Ein moderner Mythus: von Dingen, die am Himmel gesehen werden, Zürich und Stuttgart 1958.
* Bruno Weber: Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes. In: Gutenberg-Jahrbuch 1973, S. 381–408. [http://oncle.dom.pagesperso-orange.fr/astronomie/erreurs/flammarion/requisitoire.htm Auszüge online] (französisch)
* Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein Raumforscher um 1530? Überlegungen zu einer peregrinatio inventiva. In: Jan A. Aertsen, Andreas Speer (Hrsg.): Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter. De Gruyter, Berlin u. a. 1998, ISBN 3-11-015716-0, S. 793–827.
* Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein Raumforscher um 1530? Überlegungen zu einer peregrinatio inventiva. In: Ludus Sapientiae. Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters, Band 78. Brill, Leiden u.a. 2002, ISBN 90-04-12081-5, S. 311–350. [http://books.google.de/books?id=Bk2CFYhvzPQC&lpg=PP1&hl=de&pg=PA311#v=onepage&q&f=false Auszüge online]
* Hans Gerhard Senger: „Wanderer am Weltenrand“ – ein alter oder altertümelnder Weltaufriss? In: Christoph Markschies, Ingeborg Reichle, Jochen Brüning, Peter Deuflhard (Hrsg.): Atlas der Weltbilder. Akademie Verlag, Berlin 2011, S. 343-352.
Weblinks
* Georg Peez: [http://www.georgpeez.de/texte/flamm.htm Ein vermeintlich mittelalterlicher Holzschnitt - zur Darstellung pädagogischer und kunstpädagogischer Grenz- und Erfahrungsphänomene] Zuletzt geändert am 20. April 2002 - Zugriff 8. Februar 2009
* Kerry Magruder: [http://kvmagruder.net/flatEarth/index.html Is this a medieval flat-earth woodcut? Or not!] Letzte Änderung: 28. Juli 2003; Zugriff 26. Juli 2011. Private Webpräsenz zur Rezeptionsgeschichte des Holzstichs; zahlreiche Unterseiten (englisch)
* Oncle Dom: [http://oncle.dom.pagesperso-orange.fr/astronomie/erreurs/flammarion/legende.htm Une légende savante: Camille Flammarion faussaire] Letzte Änderung: 25. März 2010; Zugriff 12. Januar 2012. Private Webpräsenz zur Rezeptionsgeschichte des Holzstichs; zahlreiche Unterseiten (französisch)
Anmerkungen
ca:Gravat Flammarion
el:Ξυλογραφία του Φλαμαριόν
Flammarion engraving
es:Grabado Flammarion
eu:Flammarion irarlana
Gravure sur bois de Flammarion
ru:Гравюра Фламмариона
tl:Limbag-kahoy ni Flammarion
tr:Flammarion gravürü
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