Frühmittelalter
Frühmittelalter oder Frühes Mittelalter ist eine moderne Bezeichnung für den ersten der drei großen Abschnitte des Mittelalters, bezogen auf Europa und den Mittelmeerraum für die Zeit von ca. 500 bis 1050 n. Chr. Dem Frühmittelalter voran geht die Spätantike (ca. 284 bis 600 n. Chr.), die bereits eine wichtige Transformationszeit darstellt und sich teilweise mit dem beginnenden Frühmittelalter überschneidet. Die beiden auf das Frühmittelalter folgenden Zeitabschnitte sind das Hoch- und das Spätmittelalter.
Das Frühmittelalter ist als Übergang von der Antike zum Mittelalter sowie als eigenständige Epoche von Bedeutung. Beginn und Ende des Frühmittelalters werden in der historischen Forschung unterschiedlich datiert. Eine exakte zeitliche Abgrenzungen existiert nicht, so dass für Anfang und Ende unterschiedlich breite Übergangszeiträume betrachtet werden. Das Frühmittelalter ist gekennzeichnet sowohl von Kontinuitäten als auch vom Wandel im politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich. Es vollzog sich die bis ins Spätmittelalter andauernde Teilung Europas und des Mittelmeerraums in einen christlich-lateinischen Teil sowie dem Kulturkreis von Byzanz und des Islam.
upright=2|thumb|Aus dem [[Evangeliar Ottos III. (München)|Evangeliar Ottos III. (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4453, fol. 23v-24r): Der Kaiser thronend zwischen zwei Säulen vor einer angedeuteten Palastarchitektur. Neben ihm stehen zwei geistliche und weltliche Standesvertreter. Auf der linken Bildseite nähern sich dem Herrscher barfuß, mit reichen Gaben und in demütigender Haltung die vier Personifikationen des Reiches: Sclavinia, Germania, Gallia und Roma. (Buchmalerei der Reichenauer Schule, um 1000)]]Der Beginn des Frühmittelalters ist mit der sogenannten Völkerwanderung verknüpft, in deren Verlauf Westrom 476 unterging und die alten römischen Verwaltungsstrukturen im Westen langsam verschwanden. Es entstanden auf dem Boden des Westreiches neue germanisch-romanische Reiche und es fand eine Umformung der vormals römischen Welt statt. Im Osten behauptete sich Ostrom/Byzanz und konnte im 6. Jahrhundert verlorene Territorien im Westen zurückerobern, befand sich aber im Abwehrkampf mit dem persischen Sāsānidenreich. Im 7./8. Jahrhundert veränderte sich infolge der arabischen Eroberungen die politische Ordnung im Mittelmeerraum grundlegend und bedeutete das endgültige Ende der Antike. Der ehemals byzantinisch kontrollierte Raum im Vorderen Orient und in Nordafrika wurde von den muslimischen Arabern besetzt und langsam islamisiert, ebenso hielten sich in auf der Iberischen Halbinsel und auf Sizilien längere Zeit islamische Herrschaften. Im 8. Jahrhundert wurde das Frankenreich der Karolinger zur Groß- und Hegemonialmacht im Westen. Damit verbunden war eine Verlagerung des politischen Schwerpunkts vom Mittelmeerraum nach West- und Mitteleuropa und eine neue Phase der „staatlichen Ordnung“ in Europa. Aus dem im 9. Jahrhundert zerfallenen Karolingerreich entstanden das Westfrankenreich und Ostfrankenreich. In Ostfranken stiegen im 10. Jahrhundert die Liudolfinger auf, erlangten die westliche Kaiserwürde und legten die Grundlage für das römisch-deutsche Reich, das auch Reichsitalien umfasste. Frankreich und England entwickelten sich zu territorial geschlossenen Herrschaftsräumen, in denen das Königtum aber im Frühmittelalter eine unterschiedlich starke Stellung hatte. Allgemein war das 10. und 11. Jahrhundert von einer politischen Konsolidierungsphase in den karolingischen Nachfolgereichen, auf der Iberischen Halbinsel und in England geprägt; es vollzog sich der Übergang ins Hochmittelalter. Im Norden begann im 8. Jahrhundert die bis ins 11. Jahrhundert andauernde Wikingerzeit. In Osteuropa entstanden seit dem 7. Jahrhundert Herrschaftsgebiete der Slawen, teils auf Stammesbasis, teils in Form von Reichsbildungen. Byzanz wiederum konnte sich nach schweren Abwehrkämpfen behaupten und stieg im 10./11. Jahrhundert wieder zur Großmacht im östlichen Mittelmeerraum auf.
Im lateinischen Europa etablierte sich eine neue Gesellschaftsordnung, in der schließlich die Grundherrschaft und das Lehnswesen eine wichtige Rolle spielten, mit dem Adel und der hohen Geistlichkeit als führende Schichten. Nach einer Phase des Niedergangs, blühte die Kultur in Westeuropa im Zuge der karolingischen Bildungsreform wieder auf, bevor es wieder zu einem zeitweiligen Rückgang kam. Bildung blieb ganz überwiegend auf die Geistlichkeit beschränkt. Davon unbeeinflusst war die kulturelle Entwicklung in Byzanz und im islamischen Raum, wo mehr vom antiken Erbe bewahrt wurde. Wirtschaftlich begann im 11. Jahrhundert eine Phase des Aufschwungs, an dem die Städte großen Anteil hatten, wenngleich das Frühmittelalter wirtschaftlich überwiegend agrarisch geprägt war. Im religiösen Bereich wurde im Inneren Europas die Christianisierung vorangetrieben, während Papsttum und Mönchtum an Bedeutung gewannen. Eine wichtige Rolle spielte die Kirche aber auch im kulturellen Bereich. Mit dem Islam entstand zudem eine neue große monotheistische Religion.
Begriff und zeitliche Abgrenzung
Das Mittelalter wird oft mit den Zeitangaben ca. 500 und 1500 eingegrenzt. Der Begriff bezieht sich in erster Linie auf Europa sowie den Mittelmeerraum als Kulturbereich und lässt sich daher nicht oder kaum auf die außereuopäische Geschichte anwenden. Dabei wird zwar vor allem der Teil Europas betrachtet, der christlich-lateinisch geprägt ist, da es dort in der Spätantike zu einem politischen und kulturellen Einschnitt kam. Ebenso wird aber auch der byzantinische und arabisch-islamische Raum berücksichtigt, da alle drei Räume im Mittelalter in einer unterschiedlich ausgeprägten wechselseitigen Beziehung standen. Die zeitliche Abgrenzung des Frühmittelalters zur Spätantike und zum Hochmittelalter ist – wie Epocheneinschnitte allgemein – Gegenstand der geschichtswissenschaftlichen Diskussion und bis zu einem gewissen Grad willkürlich. Nach dem Ende der Antike steht das Frühmittelalter für den Beginn eines Zeitabschnitts, das in der älteren Forschung oft als eher „dunkle Periode“ betrachtet wurde. Dies begann mit dem Geschichtsmodell der Aufklärung im 18. Jahrhundert, in der diese Form der Periodisierung vorherrschend wurde und Geschichtsabläufe in einem bestimmten Sinne (einer „mittleren Zeit“ zwischen Antike und Neuzeit) gedeutet wurden. Damit wurde von vornherein eine gewollte Abwertung vorgenommen. Speziell das Frühmittelalter galt daher im Vergleich zur Antike und zur späteren Renaissance als „finstere Epoche“. In der modernen Forschung wird auf diese Problematik hingewiesen und für eine wesentlich differenzierte Betrachtung plädiert.Vgl. mit weiteren Literaturangaben: Alfred Haverkamp: Perspektiven des Mittelalters. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Band 1. 10. Auflage. Stuttgart 2004, S. 31ff.miniatur|200px|Justinian I., Mosaikdetail aus der Kirche San Vitale in Ravenna
Für den Beginn des Frühmittelalters sind viele Zeitpunkte und Ereignisse vorgeschlagen worden, je nachdem, welche wissenschaftliche Perspektive gewählt wurde:
* 306-337: Herrschaft Konstantins, der das Christentum im Imperium fördert.
* um 375: Die Hunnen fallen in Ostmitteleuropa ein; dies gilt als Beginn der Völkerwanderung und der späteren Umgestaltung West- und Mitteleuropas.
* 476: Der letzte weströmische Kaiser, Romulus Augustus, wird von Odoaker abgesetzt.
* 486/87: Der merowingische König Chlodwig I. besiegt Syagrius.
* 529: Das Kloster Montecassino in Süditalien wird gegründet; dies ist die Wiege des mittelalterlichen Mönchstums nach Benedikt von Nursia.
* 565: Tod Kaiser Justinians.
* 632: Die Ausbreitung des Islams beginnt.
Die frühen Datierungen werden in der neueren Forschung in der Regel nicht mehr vertreten. Vielmehr betrachtet man nun die Zeit von ca. 500 bis ins frühe 7. Jahrhundert als relativ fließende Übergangszeit von der Spätantike ins frühe Mittelalter mit Überschneidungspunkten, wobei diese Prozess regional sehr unterschiedlich verlief und auch durchaus antike Elemente übernommen wurden.Vgl. ausführlich Paul Fouracre (Hrsg.): The New Cambridge Medieval History: Volume 1, c. 500–c. 700. Cambridge 2005. Oft wird in diesem Zusammenhang von Mittelalterhistorikern die Entwicklung in der Spätantike ab dem 4. Jahrhundert betrachtet.Vgl. beispielsweise Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010; Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Düsseldorf und Zürich 2000; Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. London 2009. Bereits die Spätantike ist eine Übergangszeit, die Wesenszüge sowohl der Antike als auch des Mittelalters aufweist. Statt wie in der älteren Forschung vor allem den Bruch zwischen Antike und Mittelalter zu betonen, wird in der modernen Forschung außerdem auf die Kontinuitätselemente verwiesen und diese stärker herausgearbeitet.Ausführlich zum Übergang und Charakter dieser Zeit siehe die Beiträge in Theo Kölzer, Rudolf Schieffer (Hrsg.): Von der Spätantike zum frühen Mittelalter: Kontinuitäten und Brüche, Konzeptionen und Befunde. Stuttgart 2009. Vgl. zusammenfassend auch Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter. 500–1050. Stuttgart 2003, S. 280–284. Das in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegene Forschungsinteresse an der Übergangszeit von der Spätantike ins Frühmittelalter drückt sich in einer Vielzahl neuer Publikationen aus, wobei die Forschungsansätze variieren.Vgl. als Überblick den Rezensionsartikel von Roger Collins: Making Sense of the Early Middle Ages. In: English Historical Review 124, 2009, S. 641–665.
Auch das Ende des Frühmittelalters und der Beginn des Hochmittelalters wird an keinem einzelnen exakten Datum festgemacht. Als Eckpunkte gelten unter anderem der endgültige Zerfall des Karolingerreiches und die Bildung der Nachfolgereiche um und nach 900, die Adaptierung der weströmischen Reichsidee durch Kaiser Otto I. (962) (die schließlich vom Ostfrankenreich zum später so genannten Heiligen Römischen Reich führte), das Ende des ottonischen Kaiserhauses (1024) oder allgemein die Zeit um 1050. Die zeitliche Untergliederung in der deutschsprachigen Forschung für das Ende des Frühmittelalters, die vor allem an der Dynastiegeschichte orientiert ist, deckt sich jedoch nicht völlig mit der englischen, französischen oder italienischen Forschung.Alfred Haverkamp: Perspektiven des Mittelalters. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Band 1. Stuttgart 2004, S. 45. Dies ist vor allem auf die unterschiedliche Wissenschaftstraditionen zurückzuführen. So gilt zum Beispiel in England die Zeit der Eroberung England durch die Normannen (1066) als einschneidend.Vgl. Gerhard Lubich: Das Mittelalter. Paderborn 2010, S. 107. Die Daten variieren daher in der einschlägigen Fachliteratur (auch in den „europäisch“ ausgerichteten ÜberblicksdarstellungenSiehe NCMH, Roger Collins, Hans-Werner Goetz, Chris Wickham oder das Handbuch der europäischen Geschichte. Hrsg. von Theodor Schieder. Band 1. Stuttgart 1976.) zwischen ca. 900 und der Mitte des 11. Jahrhunderts.
Die politische Geschichte
Voraussetzungen: Rom in der Spätantike
{{Hauptartikel|Spätantike}}
Das europäische Mittelalter, das ein Resultat der Auflösung des weströmischen Reiches im Jahr 476 ist, ist ohne das römische Erbe nicht vorstellbar. Latein blieb die zentrale Verkehrs- und Gelehrtensprache, römische Ämter existierten noch lange nach dem Ende Westroms in den germanisch-romanischen Nachfolgereichen fort, die materiellen Hinterlassenschaften und nicht zuletzt die Idee des Imperiums als wichtiger geschichtlicher Faktor prägten das gelehrte Denken nachhaltig.
miniatur|Das römische Reich zum Zeitpunkt des Todes Theodosius I. 395 n. Chr.Das Römische Reich selbst durchlief in der Spätantike einen Transformationsprozess, der erst in der modernen Forschung differenzierter analysiert worden ist.Aus der reichhaltigen Literatur zum spätrömischen Reich seien hier nur das grundlegende Werk Arnold Hugh Martin Jones: The Later Roman Empire 284–602. A Social, Economic and Administrative Survey. 3 Bde. Oxford 1964 (Nachdruck in zwei Bänden, Baltimore 1986) sowie einige neuere Überblicksdarstellungen genannt: Alexander Demandt: Die Spätantike. Handbuch der Altertumswissenschaft III.6. 2. Auflage. München 2007; Stephen Mitchell: A History of the Later Roman Empire. AD 284–641. Oxford u.a. 2007; Philip Rousseau (Hrsg.): A Companion to Late Antiquity. Malden (Massachusetts) u.a. 2009. Beginnend mit den Reformen Kaiser Diokletians, organisierte Konstantin der Große Verwaltung und Heer zu Beginn des 4. Jahrhunderts weitgehend neu. Ebenso von Bedeutung war die von Konstantin betriebene religionspolitische Wende, die oft als Konstantinische Wende bezeichnet wird: Die prinzipielle Religionsfreiheit im Imperium und vor allem die nach 312 deutliche Privilegierung des Christentums. Die auf Konstantin folgenden Kaiser waren, mit Ausnahme Julians, alle Christen. Diese Entwicklung gipfelte in der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Imperium Ende des 4. Jahrhunderts durch Theodosius I. Die paganen (heidnischen) Kulte konnten sich noch bis ins 6. Jahrhundert halten, verloren im Imperium aber spätestens nach 400 zunehmend an Bedeutung und wurden nur noch von einer immer kleiner werdenden Minderheit praktiziert.Aktueller Überblick für die Entwicklung im 4. Jahrhundert bei Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford/New York 2011, der die Bedeutung der paganen Kulte bereits für das späte 4. Jahrhundert relativiert. Im Gegensatz dazu gewann die christliche Reichskirche immer stärker an Einfluss, wenngleich die verschiedenen innerchristlichen Streitigkeiten (siehe Erstes Konzil von Nicäa, Arianismus, Nestorianismus, Monophysitismus) teilweise erhebliche gesellschaftliche und politische Probleme verursachten. Bereits im 3. Jahrhundert entwickelte sich zuerst im Osten des Reiches das Mönchtum, das dann im Mittelalter noch großer Bedeutung war.
Im Gegensatz zur älteren Lehrmeinung wird die Entwicklung des römischen Staates und der römischen Gesellschaft in der Spätantike nicht mehr als ein Niedergangsprozess begriffen.Überblick über die moderne Forschung bei Philip Rousseau (Hrsg.): A Companion to Late Antiquity. Malden (Massachusetts) u.a. 2009. Vielmehr zeigten Wirtschaft, Kunst, Literatur und Gesellschaft Zeichen spürbarer Vitalität, wenngleich regional unterschiedlich ausgeprägt. In der spätantiken Kultur wurde zwar das „klassische Erbe“ gepflegt, gleichzeitig wurde parallel dazu der christliche Einfluss stärker. Es entstanden mehrere bedeutende Werke von Christen und Paganen. Rechtsgeschichtlich von großer Bedeutung war der im Mittelalter so genannte Corpus Iuris Civilis. Der römische Staat war seit Konstantin zentralisierter als zuvor, mit den nun rein zivilen Prätorianerpräfekten an der Spitze der Bürokratie,Grundlegend ist der detaillierte Überblick von Arnold Hugh Martin Jones: The Later Roman Empire. Zusammenfassend Stephen Mitchell: A History of the Later Roman Empire. AD 284–641. Oxford u.a. 2007, S. 155ff. doch kann nicht von einem Zwangsstaat gesprochen werden, zumal die Verwaltung im modernen Sinne mit ihren rund 30.000 Beamten für alle ca. 60 Millionen Einwohner als unteradministriert gelten muss.Vgl. Arnold Hugh Martin Jones: The Later Roman Empire. Oxford 1964, S. 1057.
Im militärischen Bereich wurden verstärkt Germanen und andere „Barbaren“ für das Heer rekrutiert; eine Sonderrolle spielten dabei die genannten Foederaten, die nur indirekt römischen Befehl unterstanden. Außenpolitisch verschlechterte sich die Lage des spätantiken Imperiums mit dem Beginn der Völkerwanderung (siehe unten) um 375. Bereits zuvor hatten Germanen an Rhein und Donau sowie vor allem das neupersische Sāsānidenreich, Roms großer Rivale im Osten, für Druck gesorgt, doch blieb die Lage bis ins späte 4. Jahrhundert relativ stabil. Nach der Reichsteilung von 395 waren beide Reichsteile verstärkt von Angriffen von Germanen und Hunnen ausgesetzt. Das ökonomisch stärkere und bevölkerungsreichere Ostreich, das ab dem 6. Jahrhundert allerdings in längere Kriege mit den Sāsāniden verwickelt war (siehe Römisch-Persische Kriege), sollte jedoch die externen und internen Problemen besser lösen können als das Westreich, in dem außerdem die Heermeister zunehmend an politischen Einfluss gewannen und am Ende sogar die Kaiser faktisch kontrollierten.
Von der Antike ins Mittelalter: Die Völkerwanderung
{{Hauptartikel|Völkerwanderung}}
Die Völkerwanderung (ca. 375 bis 568) bildet ein Bindeglied zwischen der Spätantike und dem Beginn des europäischen Frühmittelalters.Einführend zur Völkerwanderung siehe unter anderem: Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376–568. Cambridge 2007; Walter Pohl: Die Völkerwanderung. 2. Auflage. Stuttgart u. a. 2005; Peter J. Heather: Empires and Barbarians: Migration, Development and the Birth of Europe. London 2009; Verena Postel: Die Ursprünge Europas. Migration und Integration im frühen Mittelalter. Stuttgart 2004. Im Verlauf dieser Zeit unternahmen unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen von zumeist germanischen Stämmen Züge an der Grenze bzw. in das Römische Reich. Teils im Zusammenspiel und durch Verträge mit der römischen Regierung, zumeist aber mit militärischer Gewalt gewannen sie Siedlungsland innerhalb des Imperiums. In diesem Zusammenhang kam es zu einer beträchtlichen Destabilisierung des Weströmischen Reiches, das schließlich 476 zusammenbrach.
thumb|300px|Grundzüge der Völkerwanderung376 baten die Goten an der Donau auf der Flucht vor den Hunnen um Aufnahme im Osten des Imperiums. Die bald auftretenden Spannungen führten jedoch 378 zur Schlacht von Adrianopel, in der Kaiser Valens und ein Großteil seines Heeres fielen. In den folgenden Jahrzehnten agierten diese gotischen Gruppen, die man im weitesten Sinne als Westgoten bezeichnen kann, im Imperium; mal als Partner, mal als Gegner Roms. Unter ihrem König Alarich I. forderten sie vom Westkaiser Flavius Honorius Siedlungsland; als es zu keinen Verhandlungen kam, plünderten sie 410 Rom, das zwar längst nicht mehr Hauptstadt, aber doch ein wichtiges Symbol des Imperiums war. 416/18 wurden diese Goten schließlich in Aquitanien angesiedelt. Sie agierten in der folgenden Zeit als römische Foederaten und kämpften etwa unter dem mächtigen weströmischen Heermeister Flavius Aëtius 451 gegen den Hunnenkönig Attila. König Eurich brach 466 den Vertrag mit dem geschwächten Westreich und betrieb eine expansive Politik in Gallien und Hispanien. Aus diesen Eroberungen entstand das neue Westgotenreich, das bis 507 weite Teile Hispaniens und den Südwesten Galliens umfasste.Vgl. mit weiterer Literatur: Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn 2008; Roger Collins: Visigothic Spain 409–711. Oxford 2004.
Für Westrom wurde die Lage durch den Rheinübergang von 406 und die dadurch ausgelöste Entwicklung immer bedrohlicher: Zum Jahreswechsel 406/07 überschritten mehrere Gruppen den Rhein, vermutlich im Raum Mogontiacum (Mainz).Zusammenfassend Peter J. Heather: Why Did the Barbarian Cross the Rhine?. In: Journal of Late Antiquity 2, 2009, S. 3–29. Vereinzelt wird auch für eine Datierung 405/06 plädiert, was aber zusätzliche Probleme aufwirft. Es handelte sich dabei um die Vandalen, Sueben und Alanen. Die römische Rheinverteidigung brach zumindest vorübergehend zusammen und „barbarische Gruppen“ fielen plündernd in Gallien ein, bevor sie nach Hispanien weiterzogen. An den Rhein stießen außerdem die Burgunden vor, die sich kurzzeitig in die römische Politik einmischten, bevor sie am mittleren Rhein ein bis 436 bestehendes Reich errichteten. Anschließend wurden die Burgunden in das heutigen Savoyen umgesiedelt, wo sie ein neues Reich errichteten, das in den 530er Jahren von den Franken erobert wurde.Reinhold Kaiser: Die Burgunder. Stuttgart u.a. 2004. Die Vandalen wiederum setzten unter ihrem König Geiserich 429 von Südspanien nach Nordafrika über, wo sie bis 439 ganz Africa, die reichste weströmische Provinz, eroberten und mit ihrer neuen Flotte zu einer ernsten Bedrohung für Westrom wurden.Helmut Castritius: Die Vandalen. Stuttgart u. a. 2007; Andy Merrills, Richard Miles: The Vandals. Oxford/Malden, MA 2010. 455 plünderten sie Rom und wehrten 468 eine römische Flottenexpedition ab. Im Inneren erwiesen sich die Vandalen durchaus als Anhänger der römischen Kultur, die weiter in Africa gepflegt wurde. Allerdings sollte es religionspolitisch zwischen den arianischen Vandalen und den katholischen Romanen zu erheblichen Spannungen kommen, die nicht überwunden wurden, bis 533/34 oströmischen Truppen das Reich eroberten. In Britannien ging währenddessen die römische Ordnung und auch Kultur bereits in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts unter. Um 440 fielen hier Sachsen, später auch Jüten und Angeln ein und gründeten eigene Kleinreiche, nachdem Westrom die Insel praktisch sich selbst überlassen hatte. Nur vereinzelt gelang es römisch-britannischen Truppen, den Invasoren Widerstand zu leisten, doch sind Details darüber nicht bekannt (siehe unten).
Die (später so genannten) Ostgoten waren nach 375 unter hunnische Herrschaft geraten.Vgl. allgemein Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Aufl. München 2001. Unter Attila erreichte das Hunnenreich an der Donau seinen größte Machtentfaltung: Sowohl West- wie Ostrom bemühten sich um möglichst gute Beziehungen.Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007. Nach dem gescheiterten Vorstößen nach Gallien (451) und Italien (452), zerfiel nach Attilas Tod 453 und der Schlacht am Nedao 454 das nur sehr locker organisierte Hunnenreich. Die Ostgoten profitierten davon, nachdem sie in der Schlacht an der Bolia 469 gegen Gepiden und Skiren siegreich blieben. Zunächst in Pannonien, dann in Thrakien lebten die Ostgoten als römische Foederaten, bis Kaiser Zenon 488 dem Ostgotenkönig Theoderich, später „Theoderich der Große“ genannt, eine Invasion Italiens vorschlug. Auf Italien war bis 475 das immer weiter schrumpfende restliche weströmische Reich beschränkt, nachdem Westrom zuvor Africa, Hispanien und Gallien an die verschiedenen expandierenden germanischen Gruppen verloren hatte. Damit waren ganz erhebliche steuerliche Einbußen verbunden, was sich auf die militärischen Ressourcen auswirkte; gleichzeitig hatten in den letzten Jahrzehnten Westroms nur „Schattenkaiser“ regiert, während die wahre Macht bei den Heermeistern lag und die Armee von den Kaisern nicht mehr effektiv kontrolliert werden konnte. Das nun fast vollkommen barbarisierte weströmische Heer hatte 476 Land von der weströmischen Regierung gefordert; als die Forderung nicht erfüllt wurden, meuterten die Truppen. Ihr Anführer Odoaker setzte den letzten römischen Kaiser in Italien, Romulus Augustulus, im August 476 ab.Zum Prozess der Auflösung des weströmischen Reiches siehe Peter J. Heather: The Fall of the Roman Empire. London u.a. 2005; Dirk Henning: Periclitans res Publica. Kaisertum und Eliten in der Krise des Weströmischen Reiches 454/5–493. Stuttgart 1999. Damit blieb nur noch der Kaiser in Konstantinopel aus Oberhaupt des Imperiums übrig, das auf das Ostreich reduziert war. 489 fiel Theoderich in Italien ein und besiegte und tötete Odoaker (493).Zu Theoderich siehe Frank M. Ausbüttel: Theoderich der Große. Darmstadt 2004; Wilhelm Enßlin: Theoderich der Große. 2. Auflage. München 1959. Zur Rezeption siehe Andreas Goltz: Barbar – König – Tyrann. Das Bild Theoderichs des Großen in der Überlieferung des 5. bis 9. Jahrhunderts. Berlin/New York 2008. Anschließend bemühte sich Theoderich, im Einvernehmen mit den Römern zu herrschen und nutzte dazu die Kenntnisse der senatorischen Führungsschicht in Italien. Das Land erlebte noch einmal ein Aufblühen der spätantiken Kultur, wie die Beispiele Boethius und Quintus Aurelius Memmius Symmachus zeigen, doch begann nach Theoderichs Tod 526 eine Krisenzeit. Ostrom nutzte dies aus, um im so genannten Gotenkrieg ab 535 das ehemalige Kernland des Imperiums zu erobern. Dies gelang bis 552, doch war Italien anschließend verwüstet. Der Einfall der Langobarden 568, die von Pannonien aus aufgebrochen waren und bald schon Oberitalien beherrschten, setzte hierbei nur den Schlusspunkt.
Eine wichtige Rolle im Rahmen der Völkerwanderung und im weiteren Verlauf des Frühmittelalters kommt dem Frankenreich zu. Die Franken, ein Zusammenschluss verschiedener germanischer Kleinstämme, fungierten zu Beginn des 5. Jahrhunderts als römische Foederaten im Nordosten Galliens. Sie profitierten letztendlich am meisten vom Zusammenbruch der römischen Herrschaftsordnung in Gallien, wo sie Ende des 5. und zu Beginn des 6. Jahrhunderts ein neues Reich errichteten (siehe unten).
Im Gegensatz zur älteren Forschung, wird heute auf die Problematik des Begriffs Völkerwanderung hingewiesen. Nicht ganze Völker „wanderten“, es waren vielmehr unterschiedlich große, heterogen zusammengesetzte Gruppen, die im Laufe der Zeit zu Verbänden zusammenwuchsen. In diesem Kontext spielt der Prozess der Ethnogenese eine wichtige Rolle, also der Entstehung neuer Gruppen, die nicht biologisch, sondern politisch und sozial begründet ist. Die Völkerwanderung war zudem mehr als nur ein Abwehrkampf des Römischen Reiches, sondern vor allem eine Transformation der bisherigen römischen Mittelmeerwelt hin zu einer germanisch-romanischen Welt im Westen und einer griechisch-römischen Welt im Osten, wo das Oströmische Reich fortbestand. Die teils dramatischen Veränderungen am Ende der Spätantike, dürfen hierbei nicht übersehen, aber auch nicht überschätzt werden, denn ebenso lassen sich zahlreiche Kontinutitätelemente ausmachen.Zu diesem Wandlungsprozess vgl. auch Thomas F. X. Noble (Hrsg.): From Roman Provinces to Medieval Kingdoms. London/New York 2006.
Die sich im Laufe der Völkerwanderung gebildete „post-römische Welt“ war in vielerlei Hinsicht noch immer mit der Antike verbunden, wenngleich sie sich gleichzeitig immer mehr veränderte. Johannes Fried fasste dies folgendermaßen zusammen: {{Zitat|Die Antike also schrumpfte und schwand in einem langgestreckten ungleichmäßigen Transformationsprozeß. [...] Doch hinterließ das Schwindende gleich abgeschmolzenen Gletschern allenthalben seine Spuren...|Quelle=Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. München 2008, S. 33.}}Nach und nach verschwanden im Westen immer größere Teile der gewohnten römischen Institutionen, zunächst (bereits im 5. Jahrhundert) die Armee, dann die römischen Verwaltungsordnung. Römische Bildung und kulturelle Traditionen befanden sich ebenfalls im Niedergang, aber keineswegs überall (wenn man vom Spezialfall Britannien absieht, wo es recht rasch zu einem Zusammenbruch kam): Vor allem in Nordafrika, im Westgotenreich sowie in Italien und teilweise in Gallien florierte die spätantike Kultur vielmehr noch bis weit ins 6. Jahrhundert hinein. Eine wichtige Vermittlerrolle kam in diesem Zusammenhang der Kirche zu, in deren Klöster antike Texte aufbewahrt und später kopiert wurden.Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Düsseldorf und Zürich 2000, S. 251ff. Ebenso funktionierte die römisch ausgebildete Verwaltung in diesen Gebieten noch längere Zeit, bevor es zu einem Einbruch kam. Die ohnehin verschwindend kleine Minderheit der Germanen glich sich außerdem der einheimischen romanischen Bevölkerung mit deren überlegener römischer Zivilisation oft an, war aber religiös von den Romanen weitgehend abgesondert. Die Germanen waren mehrheitlich arianische Christen, die Bevölkerung hingegen römisch-katholisch, was oft zu Spannungen führte (vor allem im Vandalenreich sowie teils im ostgotischen Italien). Die Franken hingegen vermieden mit der Annahme des katholischen Bekenntnisses unter Chlodwig diesbezügliche Probleme.
Die Mittelmeerwelt im Wandel: Von Justinian bis zum Einbruch des Islam
miniatur|250px|Europa und der Vordere Orient im Zeitalter Justinians
Ende des 6. Jahrhunderts wurde die Mittelmeerwelt und der Vordere Orient von zwei rivalisierenden Großmächten dominiert: Dem oströmischen Reich und dem neupersischen Sāsānidenreich. Der oströmische Kaiser Justinian I. (reg. 527–565) hat das 6. Jahrhundert maßgeblich geprägt.Zu Justinian siehe nun Hartmut Leppin: Justinian. Das christliche Experiment. Stuttgart 2011; Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005. Im Inneren betonte Justinian die christlich-sakrale Komponente seines Kaisertums. Wenngleich die Zeit Justinians den Charakter einer Übergangszeit hat, orientierte sich der Kaiser politisch weiterhin an der römischen Tradition. Er betrieb eine bisweilen durchaus harte Religionspolitik, die allerdings wenig erfolgreich war, sowie eine energische Bau- und Rechtspolitik. Außenpolitisch ging das Imperium in seiner Regierungszeit im Westen in die Offensive und konnte auf den ersten Blick beeindruckende Erfolge vorweisen. Dank fähiger Generale wie Belisar gelang 533/34 die rasche Eroberung des Vandalenreichs in Nordafrika. 535 bis 552 wurde nach harten Kämpfen im Gotenkrieg das Ostgotenreich in Italien erobert und sogar in Südspanien fasste Ostrom vorläufig Fuß. Damit erstreckte sich das Imperium formal wieder vom Atlantik bis nach Mesopotamien. Allerdings beanspruchte diese Expansion die ganzen Ressourcen des Reiches, das im Inneren durch Naturkatastrophen und Seuchen geschwächt wurde. Im Osten musste Justinian zudem gegen die Sāsāniden Rückschläge hinnehmen und nach wechselhaften Kämpfen 562 mit dem bedeutenden Perserkönig Chosrau I. Frieden schließen. Als Justinian 565 starb, war das Imperium von den langen Kriegen im Westen und im Osten geschwächt, aber unzweifelhaft die bedeutendste Macht im Mittelmeerraum. 100 Jahre später hatte das Oströmische Reich jedoch mehr als die Hälfte seines Territoriums und seiner Bevölkerung verloren, während an der Ost- und Südküste des Mittelmeers mit dem arabischen Kalifat ein neues Reich mit einem neuen Glauben entstanden war, gegen das Byzanz ums Überleben kämpfen musste.Einen guten Überblick zur Entwicklung vom 6. bis ins frühe 8. Jahrhundert bietet immer noch Franz Georg Maier: Die Verwandlung der Mittelmeerwelt. Frankfurt am Main 1968, S. 172ff. Siehe auch Ernst Pitz: Die griechisch-römische Ökumene und die drei Kulturen des Mittelalters. Berlin 2001, S. 305ff. Aktueller Überblick etwa bei: Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 114ff.; Peter Sarris: Empires of Faith. Oxford 2011, S. 125ff.; Chris Wickham: The Inheritance of Rome. London 2009, S. 111–202 und S. 255–297.
Nachdem es in der Regierungszeit Justins II. wieder zum Krieg mit Persien gekommen war, gelang es Kaiser Maurikios von einem Konflikt um die persische Thronfolge zu profitieren und mit König Chosrau II. 591 Frieden zu schließen. Die Ermordung des Kaisers im Jahr 602 nahm Chosrau II. zum Vorwand, um in oströmisches Gebiet einzufallen. Von 603 bis 628 tobte der „letzte Krieg der Antike“.Geoffrey B. Greatrex, Samuel N.C. Lieu: The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars. Part II AD 363–630. A narrative sourcebook. London und New York 2002, S. 182ff. Vgl. dazu auch James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century. Oxford 2010; Peter Sarris: Empires of Faith. Oxford 2011, S. 242ff. Persische Truppen eroberten bis 619 Syrien und Ägypten, die Kornkammer des Reiches, und belagerten 626 zusammen mit den Awaren (die Ende des 6. Jahrhunderts im Balkanraum ein Reich errichtet hatten) sogar Konstantinopel. Der Gegenschlag des Herakleios, der 610 an die Macht gelangte, in den Jahren 622 bis 628 rettete das Reich und zwang die Perser zum Rückzug.Zu Herakleios siehe Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium. Cambridge 2003; Gerrit Jan Reinink, Bernard H. Stolte (Hrsg.): The Reign of Heraclius (610–641). Crisis and Confrontation. Leuven 2002. 628 bat Persien um Frieden und Herakleios, der als einer der bedeutendsten Kaiser der byzantinischen Geschichte gilt, stand auf dem Höhepunkt seines Ansehens; sogar aus dem Frankenreich erreichten ihn Glückwünsche zu seinem großen Sieg. Doch das Imperium war von den schweren Kampfhandlungen über die vergangenen Jahrzehnte extrem geschwächt. Im Inneren schloss Herakleios die Gräzisierung des Staates ab, doch es gelang ihm weder die religiösen Streitigkeiten zu beenden (siehe Monotheletismus) noch das Reich wieder neu zu konsolidieren.
thumb|400px|Die islamische ExpansionAls in den 630er Jahren die Islamische Expansion begann, war das Imperium nicht mehr in der Lage, sich dem effektiv zu widersetzen, was die schnellen arabischen Erfolge erklärt. Das von Bürgerkriegen zusätzlich geschwächte Sāsānidenreich brach 651 vollständig zusammen, während die muslimischen Araber weite Teile der oströmischen Orientprovinzen (636 ging Syrien verloren) sowie Ägypten (642) besetzten; bis 698 folgte ganz Nordafrika, 711 erfolgte die Invasion des westgotischen Spaniens.Hugh Kennedy: The Great Arab Conquests. Philadelphia 2007. In der Schlacht von Phoinix 655 erlitt die byzantinische Flotte unter Konstans II. eine schwere Niederlage gegen die Araber, die nun als Seemacht auftraten und den Lebensnerv von Byzanz bedrohten. Die antike Einheit des Mittelmeerraums war damit faktisch beendet und das Reich wurde vollständig in die Defensive gedrängt. Das oströmische Reich, das um 700 auf Kleinasien, Griechenland, Konstantinopel samt Umland und einige Gebiete in Italien beschränkt war, wandelte sich zum griechischen Byzanz des Mittelalters.Grundlegend dazu John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. The Transformation of a Culture. 2. Auflage. Cambridge 1997. Die Zeit von der Mitte des 7. bis ins 8. Jahrhundert war weitgehend von schweren Abwehrkämpfen geprägt, in deren Verlauf Byzanz um die reine Existenz kämpfen musste. Die schließlich erfolgreiche Abwehr verhinderte ein weiteres Vordringen der Araber nach Südosteuropa. Die Dynastie des Herakleios regierte noch bis 711. Unter Kaiser Leo III., der 717 an die Macht kam, ging Byzanz wieder in die begrenzte Offensive (siehe unten).
Das Frankenreich der Merowinger
thumb|Siegelring mit dem Bildnis Childerichs I.Das im späten 5. Jahrhundert entstehende Frankenreich sollte sich zum bedeutendsten der germanisch-romanischen Nachfolgereiche im Westen entwickeln.Allgemeiner Überblick bis zu den frühen Karolingern bei Friedrich Prinz: Europäische Grundlagen 4.–8. Jahrhundert. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Band 1. 10. Auflage. Stuttgart 2004, S. 286ff. Zur fränkischen Frühgeschichte siehe Ulrich Nonn: Die Franken. Stuttgart 2010. Der Aufstieg der Franken von einer ursprünglich regional beschränkten Macht im Nordosten Galliens ist mit dem Aufstieg der Merowinger verknüpft. Der in Tournai residierende salfränkische Kleinkönig Childerich I. half dem gallo-römischen Feldherrn Aegidius, der sich 462/63 gegen die weströmische Regierung (und vor allem dem mächtigen Heermeister Ricimer) erhob, die Westgoten abzuwehren. Ebenso kämpfte Childerich, vielleicht mit dem römischen Befehlshaber Paulus, gegen sächsische Plünderer, die unter Adovacrius in Gallien eingefallen waren. Aegidius errichtete im Raum von Soissons einen unabhängigen Herrschaftsbereich, nach seinem Tod folgte ihm nach kurzer Zeit sein Sohn Syagrius. Childerichs Sohn Chlodwig vernichtete die anderen fränkischen Kleinreiche (unter anderem Ragnachars und Chararichs) und war der Gründer des Frankenreichs.Guter aktueller Überblick bei Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. München 2011. 486/87 eroberte Chlodwig das Reich des Syagrius. 507 wurden die Westgoten in der Schlacht von Vouillé besiegt und faktisch aus Gallien verdrängt. Gegen die Alamannen ging Chlodwig ebenfalls vor, während er mit den Burgunden ein Bündnis einging. Der ursprünglich pagane Chlodwig trat zu einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt (wahrscheinlich aber eher gegen Ende seiner Herrschaft) zum Christentum über. Entscheidend war, dass er sich für das katholische Bekenntnis entschied und somit Probleme vermied, die sich bisweilen in den anderen germanisch-romanischen Reichen zwischen Eroberern und der römischen Bevölkerung ergaben. Das geschickte und gleichzeitig skrupellose Vorgehen Chlodwigs sicherte den Franken eine beherrschende Stellung in Gallien.
miniatur|Die Aufteilung des Frankenreichs nach Chlodwigs TodDas Frankenreich wurde nach dem Tod Chlodwigs im Jahr 511 unter seinen vier Söhnen Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlotar aufgeteilt worden, wobei jeder einen Anteil an dem fränkischen Stammland in Nordgallien und den eroberten Gebieten im Süden erhielt.Zum Folgenden siehe Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. 5. Aufl. Stuttgart 2006, S. 31ff.; Ian N. Wood: The Merovingian Kingdoms. London 1994, S. 88ff. Für Verwaltungsaufgaben hatte bereits Chlodwig die gallo-römische Oberschicht und Bischöfe (wie Gregor von Tours, dessen Geschichtswerk die wichtigste Quelle zur fränkischen Geschichte des 6. Jahrhunderts ist) herangezogen. Er hatte außerdem das System der vor allem in Südgallien verbreiteten römischen civitates genutzt, wo der gallo-römische senatorische Adel noch längere Zeit nachweisbar. Dadurch wurde andererseits die politische Rolle der Bischöfe innerhalb der Reichskirche erhöht. Die Verwaltung orientierte sich zunächst weitgehend an spätrömischen Institutionen, doch gewannen Grafen (comites) und Herzöge (duces) später an Einfluss. Die fränkische Expansion wurde in der Folgezeit weiter vorangetrieben: 533 wurden die Thüringer und 534 die Burgunden unterworfen, außerdem nutzten sie den Gotenkrieg in Italien, um Teile des ostgotischen Territoriums zu besetzen. Theuderichs Sohn Theudebert I. sah seine Stellung im Osten des Merowingerreiches als so gefestigt an, dass er angeblich sogar mit dem Gedanken gespielt haben soll, Kaiser Justinian herauszufordern. Gleichzeitig flammten aber auch im Inneren immer wieder Kämpfe zwischen den einzelnen merowingischen Teilherrschern auf. Die nun verbreitete Praxis unter den Franken, den Herrschaftsbesitz nach dem Tod eines Königs unter den Söhnen zu teilen, für eine Zersplitterung der königlichen Zentralgewalt. Thronstreitigkeiten waren nicht selten, zumal die meisten Merowinger kein hohes Alter erreichten und oft Kinder von mehreren Frauen hatten, was die Nachfolgefrage erschwerte. Nach dem Tod Chlothars I. 561 entbrannte ein merowingischer Bruderkrieg, der erst 613 mit der Wiedervereinigung des Gesamtreiches unter Chlothar II. endete. Dagobert I., der 623 die Herrschaft in Austrasien antrat und von 629 bis 639 über das Gesamtreich herrschte, gilt allgemein als der letzte starke Merowingerkönig, wenngleich auch er dem mächtigen Adel einige Zugeständnisse machen musste. Anschließend sei die königliche Macht immer mehr verfallen und die wahre Macht habe in den Händen der Hausmeier gelegen. Die Geschichtsüberlieferung für das 7. Jahrhundert, die nicht merowingerfreundlich ist, erschwert allerdings eine klare Beurteilung. Nach der Schlacht bei Tertry 687 begann jedenfalls der endgültige Aufstieg der später so genannten Karolinger. Diese kontrollierten fortan die Regierungsgeschäfte im Reich und errangen schließlich 751 die fränkische Königswürde, als der letzte Merowingerkönig Childerich III. abgesetzt wurde.
Vom Karolingerreich zu West- und Ostfranken
Ausgehend von der fränkischen Geschichtsschreibung des späten 8. und frühen 9. Jahrhunderts (so den Reichsannalen und Einhards Vita Karoli Magni),Annales regni Francorum, anno 749; Einhard, Vita Karoli Magni 1f. war die Übertragung der fränkischen Königswürde auf die Karolinger im Jahr 751 nur eine folgerichtige Entwicklung der Machtlosigkeit und dem eher lächerlichen Erscheinungsbild der letzten Merowinger. So wurde in Absprache mit Papst Zacharias Pippin der Jüngere als erster Karolinger zum fränkischen König erhoben (reg. 751–768). Allerdings wird in der neueren Forschung bisweilen bezweifelt, dass die letzten Merowingerkönige wirklich so machtlos waren, wie es die spätere karolingische Geschichtsschreibung impliziert.So z. B. Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. München 2008, S. 53. Sicher ist, dass die Karolinger nach dem gescheiterten Versuch Grimoalds des Älteren im 7. Jahrhundert lange Zeit davor zurückschreckten, die Merowinger zu entmachten, sei es aufgrund sakraler Königsvorstellungen oder aufgrund eines verwurzelten dynastischen Denkens. Die Salbung Pippins durch den Papst im Jahr 754 diente offenbar ebenfalls der Legitimation und legte das Fundament für die Rolle der fränkischen Könige als neue Schutzherren des Papstes in Rom.
Die frühen karolingischen Könige erwiesen sich als fähige Herrscher.Für die Zeit ab Pippin dem Jüngeren siehe Pierre Riché: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Stuttgart 1987, S. 87ff.; Rudolf Schieffer: Die Karolinger. 4. Auflage, Stuttgart 2006, S. 50ff. Allgemein siehe auch Jörg W. Busch: Die Herrschaften der Karolinger 714-911. München 2011; Rudolf Schieffer: Die Zeit des karolingischen Großreichs (714–887). Stuttgart 2005. Pippin intervenierte in Italien, wo er gegen die Langobarden vorging, führte Feldzüge in Aquitanien und sicherte die Pyrenäengrenze. Er genoss bei seinem Tod im Jahr 768 weit über die Grenzen des Frankenreichs hinaus Ansehen. Das Reich wurde unter seinen beiden Söhnen Karlmann und Karl aufgeteilt. Zwischen den Brüdern bestanden offenbar starke Spannungen; nach dem unerwarteten Tod Karlmanns 771, ignorierte Karl die Erbansprüche der Söhne Karlmanns (die später vermutlich auf Karls Befehl beseitigt wurden) und besetzte dessen Reichsteil.
thumb|upright=1.5|Das Karolingerreich zur Zeit Karls des Großen und die späteren TeilreicheKarl, später Carolus Magnus („Karl der Große“) genannt, gilt als der bedeutendste Karolinger und als einer der bedeutendsten mittelalterlichen Herrscher (reg. 768–814).Siehe einführend Dieter Hägermann: Karl der Große. Herrscher des Abendlandes. Berlin 2000; Wilfried Hartmann: Karl der Große. Stuttgart 2010; Rosamond McKitterick: Charlemagne. The Formation of a European Identity. Cambridge 2008 (dt. Karl der Große, Darmstadt 2008). Nach Sicherung der Herrschaft im Inneren, begann Karl ab dem Sommer 772 Feldzüge gegen die Sachsen. Die daraus resultierenden Sachsenkriege dauerten mit Unterbrechungen bis 804 und wurden mit äußerster Brutalität geführt. Ziel war nicht nur die Eroberung Sachsens, sondern auch die gewaltsame Christianisierung der bis dahin paganen Sachsen. Zeitgleich dazu intervenierte Karl auf päpstlichen Wunsch hin 774 in Italien und eroberte das Langobardenreich, das er mit dem Frankenreich vereinigte. Weniger erfolgreich verlief der Spanienfeldzug im Jahr 778 gegen die Mauren, wenngleich später zumindest die Spanische Mark errichtet werden konnte. Karls diplomatische Kontakte reichten bis zum Kalifen Hārūn ar-Raschīd. Im Osten seines Reiches beendete er 788 die Selbstständigkeit des Stammesherzogtums Bayern. Es kam außerdem zu Kämpfen mit den Dänen und mehreren Slawenstämmen sowie zum letztendlich erfolgreichen Reichskrieg gegen die Awaren (791–796). Damit hatte Karl in jahrzehntelangen Kämpfen die Grenzen des Reiches erheblich erweitert und das Frankenreich zu neuen Großmacht neben Byzanz und Kalifat etabliert. Aachen machte er zu seiner Hauptresidenz. Zur effizienteren Organisation der Herrschaftsordnung nutzte Karl comites (sogenannte „Grafschaftsverfassung“) und die von ihm geförderte Kirche. Die sogenannte Karolingische Renaissance (die besser als „karolingische Bildungsreform“ bezeichnet werden sollte) sorgte für eine kulturelle Neubelebung des christlichen Westeuropas, nachdem es seit dem 7. Jahrhundert zu einem Bildungsverfall im Frankenreich gekommen war. Karl war offenbar kulturell nicht uninteressiert und versammelte an seinem Hof angesehene Gelehrte (so Alkuin, Einhard, Petrus von Pisa, Paulus Diaconus und Theodulf von Orléans). Der Höhepunkt von Karls Regierungszeit stellte seine Kaiserkrönung zu Weihnachten des Jahres 800 durch Papst Leo III. in Rom dar. Die Details dazu sowie zu den Vorgängen im Vorfeld der Kaiserkrönung sind in der Forschung umstritten.Aktueller Überblick bei Matthias Becher: Das Kaisertum Karls des Großen zwischen Rückbesinnung und Neuerung. In: Hartmut Leppin, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Kaisertum im ersten Jahrtausend. Regensburg 2012, 251–270. Vgl. auch Jörg W. Busch: Die Herrschaften der Karolinger 714-911. München 2011, S. 79ff. Fest steht, dass damit aus Sicht der Zeitgenossen das Kaisertum erneuert worden war, was allerdings zu Problemen mit Byzanz führte (Zweikaiserproblem). Für die Geschichte des Mittelalters ist dieses Ereignis von großer Bedeutung, da es den Grundstein für das westliche mittelalterliche Kaisertum legte. Karl hinterließ bei den folgenden Generationen einen bleibenden Eindruck. Im anonymen Karlsepos wird der Kaiser sogar als pater Europae, als Vater Europas, gepriesen und galt im Mittelalter als ein Idealkaiser. Damit begann bereits die Mythenbildung um Karl, was bis in die Neuzeit unterschiedliche Geschichtsbilder zur Folge hatte.
Nach Karls Tod im Januar 814 folgte ihm sein Sohn Ludwig der Fromme nach, der bereits 813 zum Mitkaiser gekrönt worden war.Egon Boshof: Ludwig der Fromme. Darmstadt 1996; Mayke de Jong: The Penitential State. Authority and Atonement in the Age of Louis the Pious, 814–840. Cambridge 2009. Die ersten Regierungsjahre Ludwigs waren vor allem von seinem Reformwillen im kirchlichen und weltlichen Bereich geprägt.Egon Boshof: Ludwig der Fromme. Darmstadt 1996, S. 108ff. Programmatisch verkündete er die Renovatio imperii Francorum, die Erneuerung des fränkischen Reiches. Ludwig bestimmte 817, dass nach seinem Tod eine Reichsteilung erfolgen sollte. Sein ältester Sohn Lothar sollte jedoch eine Vorrangstellung vor seinen anderen Söhnen Ludwig (in Bayern) und Pippin (in Aquitanien) erhalten. Verkompliziert wurde die Lage jedoch, als Kaiser Ludwig 829 auch Karl, dem Sohn aus zweiter Ehe mit der am Hof einflussreichen Judith, einen Anteil am Imperium zusicherte. Bereits zuvor hatte es Gegner der neuen Reichsordnung gegeben, die dem Kaiser nun offen Widerstand leisteten.
thumb|Die fränkischen Reichsteilungen von 843 (Vertrag von Verdun) und 870 (Vertrag von Meerssen)Mit der Erhebung der drei ältesten Söhne gegen Ludwig den Frommen im Jahr 830 begann die Krisenzeit des Karolingerreiches, die schließlich zur Auflösung des Reiches führte.Siehe dazu etwa Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024. Berlin 1994, S. 366ff.; Pierre Riché: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Stuttgart 1987, S. 195ff.; Rudolf Schieffer: Die Zeit des karolingischen Großreichs (714–887). Stuttgart 2005, S. 136ff.; Rudolf Schieffer: Die Karolinger. 4. Auflage, Stuttgart 2006, S. 139ff. Die Rebellion richtete sich zunächst vor allem gegen Judith und ihre Berater, doch führte sie 833 zur Gefangennahme des Kaisers auf dem sogenannten „Lügenfeld bei Colmar“, wobei das Heer Ludwigs zum Gegner überlief. Anschließend musste Ludwig einer demütigenden Bußhandlung zustimmen.Zur Rebellion gegen Ludwig siehe Egon Boshof: Ludwig der Fromme. Darmstadt 1996, S. 182ff. Damit war aber der Bogen überspannt und die drei älteren Brüder Ludwigs zerstritten sich wieder. 834 wandten sich mehrere Anhänger von Lothar ab, der sich nach Italien zurückzog. Während das Reich von außen zunehmend von Wikingern, Slawen und Arabern bedrängt wurde, blieben die Spannungen im Inneren bestehen. Ludwig war bestrebt, Karls Erbteil zu sichern; nach Pippins Tod 839 wurde Karl der Kahle mit dem westlichen Reichsteil ausgestattet, doch war die Lage bei Ludwigs Tod im Jahr 840 weiterhin ungeklärt. Im Ostteil hatte Ludwig der Deutsche seine Stellung gesichert,Zu Ludwig siehe Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche. Darmstadt 2002. ähnlich Karl der Kahle im Westen, so dass der Druck auf Kaiser Lothar stieg. Karl und Ludwig verbündeten sich gegen Lothar und besiegten ihn in der Schlacht von Fontenoy am 25. Juni 841. Im Februar 842 bekräftigten sie ihr Bündnis mit den Straßburger Eiden. Auf Drängen der fränkischen Adeligen kam es 843 zum Vertrag von Verdun, womit die Teilung des Reiches im Grunde bestätigt wurde: Karl regierte den Westen, Ludwig den Osten, während Lothar ein Mittelreich und Italien erhielt.Zu dieser Zeit siehe zusammenfassend auch Carlrichard Brühl: Die Geburt zweier Völker. Deutsche und Franzosen (9.–11. Jahrhundert). Köln u.a. 2001, S. 115ff. Die in diesem Zusammenhang in der Forschung oft diskutierte Frage nach den Anfängen der „deutschen“ Geschichte führt eher in die Irre, da es sich um einen längerfristigen, bis in das 11. Jahrhundert hinziehenden Prozess gehandelt hat; erst seitdem ist auch die Bezeichnung Regnum Teutonicorum gesichert nachweisbar.Vgl. Carlrichard Brühl: Die Geburt zweier Völker. Köln u.a. 2001, S. 69ff. Offenbar grenzten sich jedoch die karolingischen Reichsteile bereits im 9. Jahrhundert immer mehr voneinander ab, die dauerhafte Reichseinheit konnte nicht mehr verwirklicht werden.
Nach Lothars Tod 855 erbte sein ältester Sohn Lothar II. das Mittelreich. Nach dem Tod Lothars II. 869 kam es zum Konflikt zwischen Karl und Ludwig um dessen Erbe, was 870 zur Teilung im Vertrag von Meerssen führte. Damit formierten sich endgültig das West- und Ostfrankenreich, während in Italien von 888 bis 961 separat Könige regierten. Die Idee der Reichseinheit hatte zwar weiterhin noch einige Anhänger, und unter Karl III. war das gesamte Imperium für wenige Jahre noch einmal vereint, doch blieb dies eine Episode, zumal er Ostfranken Ende 887 an Arnulf von Kärnten verlor (reg. 887–899).Vgl. Simon MacLean: Kingship and Politics in the Late Ninth Century: Charles the Fat and the End of the Carolingian Empire. Cambridge 2003, speziell S. 123ff. Arnulfs Herrschaftsbasis war Bayern. Er beschränkte seine Herrschaft explizit auf Ostfranken, wo er Slawen und Normannen abwehrte, und bestätigte die Herrschaft der Könige, die nach dem Tod Karls III. auch in anderen Teilen des Reiches erhoben wurden, so in Westfranken, Burgund sowie Italien. Arnulf lehnte zunächst auch einen Italienzug ab. Er begab sich erst 894 aufgrund eines päpstlichen Hilferufs nach Italien und erwarb 896 sogar die Kaiserkrone.Zu Arnulf siehe Franz Fuchs, Peter Schmid (Hrsg.): Kaiser Arnolf. Das ostfränkische Reich am Ende des 9. Jahrhunderts. München 2002. Dennoch war der Zusammenbruch des Karolingerreichs unübersehbar; dieser machte sich auch kulturell bemerkbar, vor allem in Ostfranken, wo es zu einem spürbaren Rückgang der literarischen Produktion kam. Im Osten starb der letzte Karolinger Ludwig das Kind im Jahr 911; ihm folgte Konrad I. nach. Konrad war bemüht, Ostfranken zu stabilisieren, wobei er sich gegen den mächtigen Adel behaupten und gleichzeitig die Ungarneinfälle abwehren musste. Am Ende war seine Herrschaft, die durchaus an karolingischen Traditionen orientiert war, nur eine Übergangszeit zu den Ottonen, die von 919 bis 1024 die ostfränkischen Könige stellten. In Westfranken regierten die Karolinger formal noch bis zum Tod Ludwigs V. 987, hatten jedoch schon zuvor ihre wahre Macht weitgehend verloren. An ihre Stelle traten die Kapetinger, die anschließend bis ins 14. Jahrhundert die französischen Könige stellten.
Das Reich der Ottonen
thumb|250px|Das Reich der Ottonen im 10./11. Jahrhundert.
Nach dem Tod des ostfränkischen Königs Konrad im Jahr 919 bestieg mit Heinrich I. das erste Mitglied des sächsischen Hauses der Liudolfinger („Ottonen“) den ostfränkischen Königsthron, die sich in der Folgezeit bis 1024 im Reich behaupten konnten.Zum Folgenden allgemein siehe Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. 2. Aufl. Stuttgart u.a. 2005; Helmut Beumann: Die Ottonen. 5. Aufl. Stuttgart u.a. 2000; Hagen Keller, Gerd Althoff: Spätantike bis zum Ende des Mittelalters. Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Krisen und Konsolidierungen 888–1024. 10. völlig neu bearbeitete Aufl. Stuttgart 2008 (=Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 3). In der neueren Forschung wird zwar die Bedeutung der Ottonenzeit für die Ausformung Ostfrankens betont, sie gilt aber nicht mehr als Beginn der eigentlichen „deutschen“ Geschichte.Zur Einordnung der ottonischen Geschichte allgemein Hagen Keller, Gerd Althoff: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Stuttgart 2008, S. 18ff. Der damit verbundene komplexe Prozess zog sich vielmehr mindestens bis ins 11. Jahrhundert hin.Zu den unterschiedlichen Forschungsansätzen siehe Joachim Ehlers: Die Entstehung des Deutschen Reiches. 3. Aufl. München 2010; vgl. allgemein auch Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Berlin 1994, speziell S. 9ff. und S. 853ff.
Heinrich I. sah sich mit zahlreichen Problemen konfrontiert.Allgemein zu Heinrichs Regierungszeit siehe nun Wolfgang Giese: Heinrich I. Begründer der ottonischen Herrschaft. Darmstadt 2008. Die an karolingischen Mustern orientierte Herrschaftsausübung stieß an ihre Grenzen, zumal nun die Schriftlichkeit, ein entscheidender Verwaltungsfaktor, stark zurückging. Gegenüber den Großen des Reiches scheint Heinrich, wie mehrere andere Herrscher nach ihm, eine Form der konsensualen Herrschaftspraxis betrieben zu haben: Während er formal auf seinem höheren Rang bestand, band er die Herzöge in seine Politik durch Freundschaftsbündnisse (amicitia) ein und ließ ihnen in ihren Herzogtümern weitgehenden politischen Spielraum.Gerd Althoff: Amicitiae und pacta. Bündnis, Einung, Politik und Gebetsgedenken im beginnenden 10. Jahrhundert. Hannover 1992. Schwaben und Bayern wurden dadurch in die Königsherrschaft Heinrichs integriert, blieben jedoch bis um das Jahr 1000 königsferne Regionen. Das Reich befand sich weiterhin im Abwehrkampf gegen die Ungarn, mit denen 926 ein Waffenstillstand geschlossen wurde. Heinrich nutzte die Zeit und ließ die Grenzsicherung intensiveren; auch gegen die Elbslawen und gegen Böhmen war der König erfolgreich. 932 verweigerte er die Tributzahlungen an die Ungarn, die 933 in der Schlacht bei Riade geschlagen wurden. Im Westen hatte Heinrich den Anspruch auf das zwischen West- und Ostfranken umstrittene Lothringen zunächst 921 aufgegeben, bevor er es 925 gewinnen konnte. Noch vor seinem Tod im Jahr 936 hatte Heinrich eine Nachfolgeregelung im Rahmen einer „Hausordnung“ getroffen, so dass bereits 929/30 sein Sohn Otto als designierter Nachfolger gelten konnte und das Reich ungeteilt blieb.
In der Regierungszeit Ottos I. (reg. 936–973) sollte das Ostfrankenreich eine hegemoniale Stellung im lateinischen Europa einnehmen.Neben der genannten allgemeinen Literatur zu den Ottonen siehe Matthias Becher: Otto der Große. Kaiser und Reich. München 2012; Johannes Laudage: Otto der Große: (912–973). Eine Biographie. Regensburg 2001. Otto erwies sich als energischer Herrscher. 948 übertrug er das wichtige Herzogtum Bayern seinem Bruder Heinrich. Ottos Herrschaftsausübung war allerdings nicht unproblematisch, denn er wich von der konsenusalen Herrschaftspraxis seines Vaters ab. Bisweilen verhielt sich Otto rücksichtslos und geriet mehrfach in Konflikt mit engen Verwandten.Johannes Laudage: Otto der Große. Regensburg 2001, S. 110ff. So agierte etwa Ottos ältester Sohn Liudolf gegen den König und stand sogar in Verbindung mit den Ungarn. Diese nutzten die Lage im Reich aus und griffen 954 offen an. Liudolfs Lage wurde unhaltbar und er unterwarf sich dem König. Otto gelang es, gegen die Ungarn eine Abwehr zu organisieren und sie 955 auf dem Lechfeld vernichtend zu schlagen. Ottos Ansehen im Reich wurde durch diesen Erfolg erheblich gesteigert und eröffnete ihm neue Optionen. Im Osten errang er Siege über die Slawen, womit die elbslawischen Gebiete (Sclavinia) verstärkt in die ottonische Politik eingebunden wurden. Otto trieb die Errichtung des Erzbistums Magdeburg voran, was ihm 968 endgültig gelang. Ziel war die Slawenmission im Osten und die Ausdehnung des ostfränkischen Herrschaftsbereichs, wozu nach karolingischen Vorbild Grenzmarken errichtet wurden. Die erstarkte Stellung Ottos ermöglichte ein Eingreifen in Italien, das nie ganz aus dem Blickfeld der ostfränkischen Herrscher geraten war. Während des ersten Italienzugs 951 scheiterte Ottos Versuch, in Rom das westliche Kaisertum zu erneuern, wenngleich ihm italienische Adlige als „König der Langobarden“ huldigten. Er brach 961 wieder nach Italien auf und wurde am 2. Februar 962 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt, im Gegenzug bestätigte Otto die Rechte und Besitzungen der Kirche. Das an die antike römische Kaiserwürde angelehnte westliche Kaisertum wurde nun mit dem ostfränkischen (bzw. römisch-deutschen) Königtum verbunden.Zu diesem Aspekt vgl. Hartmut Leppin, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Kaisertum im ersten Jahrtausend. Regensburg 2012. Weite Teile Ober- und Mittelitaliens wurden außerdem dem ostfränkischen Reich angegliedert (Reichsitalien). Allerdings erforderte eine effektive Beherrschung Reichsitaliens die persönliche Präsenz des Herrschers, eine Regierung aus der Ferne war in dieser Zeit kaum möglich. Dieses Strukturdefizit sollte auch seinen Nachfolgern noch Probleme bereiten.Hagen Keller: Das „Erbe“ Ottos des Großen. In: Frühmittelalterliche Studien 41, 2007, S. 43–72, speziell S. 62ff. Ein dritter Italienzug (966–972) erfolgte aufgrund eines päpstlichen Hilferufs, diente aber gleichzeitig der Absicherung der ottonischen Herrschaft. Im April 972 heiratete sein Sohn und designierter Nachfolger Otto die gebildete byzantinische Prinzessin Theophanu. Im Inneren stützte sich Otto für Verwaltungsaufgaben auf die Reichskirche (siehe Ottonisch-salisches Reichskirchensystem), doch stellte diese Praxis der Herrschaftsausübung im Vergleich zu anderen christlich-lateinischen Herrschern keine Besonderheit dar und erfolgte auch kaum planmäßig. In der neueren Forschung wird daher darauf hingewiesen, dass dies den ottonischen und frühsalischen Königen aufgrund ihrer Machtstellung nur effektiver gelang als anderen Herrschern.Vgl. Rudolf Schieffer: Der geschichtliche Ort der ottonisch-salischen Reichskirchenpolitik. Opladen 1998. Beim Tod Ottos am 7. Mai 973 war nach schwierigen Anfängen das Reich konsolidiert und das Kaisertum wieder ein politischer Machtfaktor.
Otto II. (reg. 973–983) war bereits sehr jung 961 zum Mitkönig und 967 zum Mitkaiser gekrönt worden.Siehe zusammenfassend Hagen Keller, Gerd Althoff: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Stuttgart 2008, S. 239ff. Otto war recht gebildet und wie seine Ehefrau Theophanu galt sein Interesse auch geistigen Angelegenheiten. Im Norden wehrte er Angriffe der Dänen ab, während in Bayern Heinrich der Zänker (ein Verwandter des Kaisers) gegen ihn agierte und Unterstützung durch Böhmen und Polen erhielt. Die Verschwörung wurde aufgedeckt, doch erst 976 gelang die (vorläufige) Unterwerfung Heinrichs. Die Ostmark wurde von Bayern abgetrennt und den Babenbergern übertragen. Im Westen kam es zu Kampfhandlungen mit Westfranken (Frankreich), bevor 980 eine Übereinkunft erzielt werden konnte. Otto plante, anders als noch sein Vater, die Eroberung Süditaliens, wo Byzantiner, Langobarden und Araber herrschten. Ende 981 begann der Feldzug, doch erlitt das kaiserliche Heer im Juli 982 eine vernichtende Niederlage gegen die Araber am Kap Colonna. Otto gelang nur mit Mühe die Flucht. Im Sommer 983 plante er einen erneuten Feldzug nach Süditalien, als sich unter Führung der Liutizen Teile der Slawen erhoben (Slawenaufstand von 983) und somit die ottonischen Missions- und Besiedlungspolitik einen schweren Rückschlag erlitt. Noch in Rom starb der Kaiser am 7. Dezember 983, wo er auch beigesetzt wurde. In der mittelalterlichen Geschichtsschreibung wurde der Kaiser aufgrund der militärischen Rückschläge und kirchenpolitischer Entscheidungen (so die Aufhebung des Bistums Merseburg) stark kritisiert, während in der modernen Forschung seine nicht leichte Ausgangslage berücksichtigt wird, ohne die militärischen Fehlschläge zu übersehen.
Die Nachfolge trat sein gleichnamiger Sohn an, Otto III. (reg. 983–1002), der noch vor dem Tod seines Vaters als nicht ganz Dreijähriger zum Mitkönig gewählt worden war.Allgemeiner Überblick bei Hagen Keller, Gerd Althoff: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Stuttgart 2008, S. 273ff. Siehe daneben auch Gerd Althoff: Otto III. Darmstadt 1997; Ekkehard Eickhoff: Theophanu und der König. Otto III. und seine Welt. Stuttgart 1996; Ekkehard Eickhoff: Kaiser Otto III. Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas. 2. Aufl. Stuttgart 2000. Aufgrund seines jungen Alters übernahm zunächst seine Mutter Theophanu, nach deren Tod 991 dann seine Großmutter Adelheid die Regentschaft. 994 trat Otto III. mit 14 Jahren die Regierung an. Der für seine Zeit hochgebildete Herrscher umgab sich im Laufe der Zeit mit Gelehrten, darunter Gerbert von Aurillac. Otto interessierte sich besonders für Italien. Streitigkeiten in Rom zwischen Papst Johannes XV. und der mächtigen Adelsfamilie der Crescentier, waren der Anlass für Ottos 1. Italienzug 996. Papst Johannes war jedoch bereits verstorben, so dass Otto seinen Verwandten Bruno als Gregor V. zum neuen Papst bestimmte, der ihn am 21. Mai 996 zum Kaiser krönte. Anschließend kehrte Otto nach Deutschland zurück. Gregor wurde jedoch aus Rom vertrieben, so dass Otto 997 erneut nach Italien aufbrach und den Aufstand Anfang 998 brutal niederschlug.Gerd Althoff: Otto III. Darmstadt 1997, S. 100ff. Der Kaiser hielt sich noch bis 999 in Italien auf und strebte im Zusammenspielt mit dem Papst eine kirchliche Reform an. Während dieser Zeit ist ein Regierungsmotto Ottos belegt: Renovatio imperii Romanorum, die Erneuerung des römischen Reiches, als dessen Fortsetzung man das mittelalterliche römisch-deutsche Reich betrachtete. Die Einzelheiten sind jedoch umstritten; eine geschlossene Konzeption ist eher unwahrscheinlich, weshalb die Bedeutung in der neueren Forschung relativiert wird.Vgl. etwa Hagen Keller, Gerd Althoff: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Stuttgart 2008, S. 292ff. (mit weiteren Belegen); Ekkehard Eickhoff: Kaiser Otto III. Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas. 2. Aufl. Stuttgart 2000, S. 203ff. Nach Gregors Tod machte der Kaiser Gerbert von Aurillac als Silvester II. zum neuen Papst. Beide Papsternennungen verdeutlichen die reale Machtverteilung zwischen Kaisertum und Papsttum in dieser Zeit. Otto knüpfte auch Kontakte zum polnischen Herrscher Bolesław und begab sich nach Gnesen.Vgl. Ekkehard Eickhoff: Kaiser Otto III. Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas. 2. Aufl. Stuttgart 2000, S. 271–273. Die nächsten Monate verbrachte der Kaiser in Deutschland, bevor er sich wieder nach Italien begab. 1001 brach in Rom ein Aufstand aus. Otto zog sich nach Ravenna zurück, beim erneuten Vormarsch auf Rom starb der Kaiser Ende Januar 1002. In den Quellen wird sein großes Engagement in Italien eher negativ bewertet, in der modernen Forschung wird betont, dass der frühe Tod Ottos eine abschließende Bewertung erschwert, da seine Politik nicht über Anfänge hinausging.
Nachfolger Ottos III. wurde Heinrich II. (reg. 1002–1024), der aus der bayerischen Nebenlinie der Ottonen stammte und dessen Herrschaftsantritt umstritten war.Stefan Weinfurter: Heinrich II. (1002–1024). Herrscher am Ende der Zeiten. 3. Aufl., Regensburg 2002. Heinrich II. setzte andere Schwerpunkte als sein Vorgänger und konzentrierte sich vor allem auf die Herrschaftsausübung im nördlichen Reichsteil, wenngleich er dreimal nach Italien zog. Auf seinem zweiten Italienzug 1014 wurde er in Rom zum Kaiser gekrönt. Im Süden kam es 1021/22 auch zu Auseinandersetzungen mit den Byzantinern, die letztendlich ergebnislos verliefen und dem Kaiser keinen Gewinn einbrachten. Im Osten führte er vier Feldzüge gegen Bolesław von Polen, wobei es um polnisch beanspruchten Besitz und um Fragen der Ehre und Ehrbezeugung ging, bevor 1018 der Frieden von Bautzen geschlossen wurde.Knut Görich: Eine Wende im Osten: Heinrich II. und Boleslaw Chrobry. In: Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Otto III. – Heinrich II. Eine Wende?. Sigmaringen 1997, S. 95–167. Im Inneren präsentierte sich Heinrich II. als ein von der sakralen Würde seines Amtes durchdrungener Herrscher. Er gründete das Bistum Bamberg und begünstigte die Reichskirche, auf die er sich im Sinne des „Reichskirchensystems“ stützte, wenngleich in neuerer Zeit dieser Aspekt unterschiedlich bewertet wird. Einige Forscher betrachten Heinrichs diesbezügliches Vorgehen als realpolitisch motiviert; Heinrich habe über die Reichskirche geherrscht, mit ihr regiert und damit versucht, die Königsherrschaft zu intensivieren.Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Berlin 1994, S. 630f. Sicher ist die enge Verzahnung von Königsherrschaft mit der Kirche im Reich. Damit erhoffte sich Heinrich wohl auch ein Gegengewicht zu der Adelsopposition, die sich wiederholt gegen den König erhob, der seine Führungsrolle gegenüber den Großen im Reich betonte. Heinrich starb am 13. Juli 1024. Seine Regierungszeit wird sehr unterschiedlich bewertet; erst im Rückblick wurde er, von der Bamberger Kirche vorangetrieben, zu einem „heiligen Kaiser“ stilisiert und 1146 heiliggesprochen. Seine Ehe blieb kinderlos, statt der Ottonen traten die Salier die Königsherrschaft an.
Frankreich und Burgund
miniatur|Frankreich im frühen 11. Jahrhundert
Wenngleich in Westfranken (Frankreich) die Karolinger formal noch bis 987 die Könige stellten, so hatten sie bereits zuvor den Großteil ihrer Macht eingebüßt.Allgemein zur Geschichte Frankreichs in dieser Zeit siehe Jean Dunbain: West Francia: The Kingdom. In: Timothy Reuter (Hrsg.): The New Cambridge Medieval History. Bd. 3. Cambridge 1999, S. 372ff.; Rolf Große: Vom Frankenreich zu den Ursprüngen der Nationalstaaten 800 bis 1214. Darmstadt 2005 (jeweils mit weiterer Literatur). Die Politik wurde im 10. Jahrhundert von den großen Adligen dominiert, wie z. B. von Herzog Hugo aus dem Hause der Robertiner, so dass in Westfranken der Gegensatz zwischen Karolingern und Robertiner in dieser Zeit prägend war. In der Spätphase der westlichen Karolinger geriet König Lothar sogar in Abhängigkeit von den mächtigeren Ottonen; er versuchte sich militärisch davon zu lösen und unternahm Vorstöße nach Ostfranken, die aber erfolglos verliefen. 987 wurde der Robertiner Hugo Capet zum neuen König gewählt, der damit die Herrschaft der sogenannten Kapetinger in Frankreich begründete.Joachim Ehlers: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. Stuttgart u.a. 1987; Joachim Ehlers: Die Kapetinger. Stuttgart u.a. 2000. Noch im selben Jahr erhob Hugo seinen Sohn Robert zum Mitkönig; dieser sollte seinem Vater 996 als Robert II. nachfolgen und bis 1031 regieren. Der Dynastiewechsel von 987 verlief aber nicht problemlos. Herzog Karl von Niederlothringen machte aufgrund seiner Verwandtschaft mit den Karolingern Thronansprüche geltend und verbuchte einige Erfolge, bevor er durch Verrat in die Hände der Kapetinger fiel. Ein Umsturzversuch der Familie Blois im Jahr 993 scheiterte ebenfalls.
Die Kapetinger betonten die Sakralität ihrer Königswürde und das damit verbundene Ansehen (auctoritas). Kern der Königsherrschaft stellte die Krondomäne mit dem Zentrum Paris dar; der königliche Besitz wurde in den folgenden Jahrzehnten systematisch ausgebaut. Außerdem konnten sie sich auf eine recht breite kirchliche Unterstützung verlassen. Die Durchsetzung der Königsherrschaft gelang jedoch nicht vollständig, denn die Großen des Reiches verkehrten mit den frühen Kapetingern auf einem relativ gleichen Niveau. Zwar waren sie zur Hof- und Heerfahrt verpflichtet, bisweilen kam es aber zu anti-königlichen Koalitionen. In mehreren Regionen konsolidierte sich die Fürstenherrschaft im frühen 11. Jahrhundert. Versuche Roberts II., die Königsmacht in herrschaftslos gewordenen Gebieten zu vermehren, waren nur im Herzogtum Burgund erfolgreich, während er etwa in den Grafschaften Troyes und Meaux scheiterte. Sein Sohn und Nachfolger Heinrich I. musste sich gegen das Haus Blois durchsetzen und unterhielt recht gute Verbindungen zu den salischen Herrschern. Außenpolitisch konnten die frühen Kapetinger keine Erfolge verbuchen; so scheiterte etwa der Versuch, Lothringen von den Ottonen zurückzugewinnen. Die französischen Könige waren aber bemüht, die Gleichrangigkeit ihres Reiches mit dem Imperium zu betonen. Im 12. Jahrhundert kam es zu Konflikten mit dem mächtigen Haus Plantagenet, das neben umfangreichen Festlandbesitz in Frankreich gleichzeitig bis ins Spätmittelalter die englischen Könige stellte. Erst unter Philipp II. gelang es den Kapetingern, die Oberhand zu gewinnen.
Das Königreich Burgund entstand während des Zerfalls des Karolingerreiches.Constance Brittain Bouchard: Burgundy and Provence. In: Timothy Reuter (Hrsg.): The New Cambridge Medieval History. Bd. 3. Cambridge 1999, S. 328ff. 879 wurde Boso von Vienne zum König von Niederburgund gewählt, sein Sohn Ludwig der Blinde erweiterte kurzzeitig den burgundischen Herrschaftsraum. Bereits vor Ludwigs Tod 928 zerfiel der niederburgundische Herrschaftsraum, wovon zunächst Hugo von Vienne, letztendlich aber Hochburgund profitierte. Dort war 888 Rudolf I. zum König gekrönt worden. Immer wieder kam es in der Folgezeit zu Spannungen mit dem örtlichen Adel. Rudolf II., dessen Expansion nach Nordosten in den schwäbischen Raum 919 gestoppt worden war, knüpfte Kontakte zu den Ottonen. Er erkannte die ostfränkische Oberhoheit an und leitete die Vereinigung von Hoch- und Niederburgund ein, doch starb er bereits 937. Sein Sohn Konrad konnte mit ottonischer Unterstützung seinen Herrschaftsanspruch auch in Niederburgund zur Geltung bringen. Die enge Anlehnung der burgundischen Rudolfinger an die Ottonen drückte sich im Erbfolgevertrag von 1016 aus, wovon die salischen Herrscher profitierten, die 1033 Burgund mit dem Imperium vereinigten.
Italien
miniatur|Italien um die Mitte des 11. Jahrhunderts
Die unter ihrem König Alboin 568 nach Italien eingebrochenen Langobarden profitierten von dem erschöpften Zustand des Landes nach dem Gotenkrieg und den nur wenigen kaiserlichen Besatzungstruppen im Land.Allgemeiner Überblick zur Geschichte Italiens im Mittelalter mit weiterer Literatur bei Elke Goez: Geschichte Italiens im Mittelalter. Darmstadt 2010. Zu den Langobarden siehe unter anderem Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 198ff.; Peter Erhart, Walter Pohl (Hrsg.): Die Langobarden: Herrschaft und Identität. Wien 2005; Wilfried Menghin: Die Langobarden. Stuttgart 1985. Zum frühmittelalterlichen Italien siehe speziell unter anderem Chris Wickham: Early Medieval Italy. Central Power and Local Society 400—1000. London/Basingstoke 1981; Giovanni Tabacco: Sperimentazioni del potere nell'alto medioevo. Turin 1993 Nur vereinzelt wurde den Eroberern Widerstand geleistet, so dass Mailand schon 569 fiel, Pavia erst 572. Die langobardische Eroberung erwies sich jedoch als verheerend für die Reste der antiken Kultur in Italien und die lokale Wirtschaft. Bereits in Cividale del Friuli hatte Alboin kurz nach Beginn der Invasion ein Dukat (Herzogtum) errichtet; diese Form der Herrschaftsorganisation (eine Zusammenführung spätrömischer Verwaltung und der langobardischen Militärordnung) sollte typisch für die Langobarden in Italien werden. Die Königsmacht verfiel nach der Ermordung Alboins 572 und der seines Nachfolgers Cleph 574. Die langobardische Herrschaft zersplitterte in relativ selbstständige Dukate, wodurch die königliche Zentralmacht weiter geschwächt wurde. Das Langobardenreich stand weiterhin unter einem äußeren Druck. Erst angesichts einer Bedrohung durch die Franken wählten die Langobarden 584 Authari zu ihrem König. Die Oströmer/Byzantiner konnten zudem mehrere der Seestädte halten, außerdem Ravenna, Rom und Süditalien. Innenpolitisch blieben jedoch die Spannungen zwischen den zumeist arianischen Langobarden und den katholischen Romanen eine Belastung für das gegenseitige Verhältnis, wenngleich auch katholische Langobardenkönige herrschten. Erwähnenswert unter den Langobardenkönigen des 7. Jahrhunderts sind etwa Agilulf, unter dem die Langobarden wieder einige Erfolge erzielen konnte, und Rothari, der 643 die langobardischen Rechtsgewohnheiten systematisch sammeln und aufzeichnen ließ. Liutprand (reg. 712–744) wirkte ebenfalls als Gesetzgeber und konnte seine Macht sogar gegenüber den Duces von Spoleto und Benevent, den beiden südlichen langobardischen Herrschaften, zur Geltung bringen. Die Langobarden waren zu diesem Zeitpunkt endgültig katholisch geworden und traten wieder expansiv auf, so gegen Byzanz, und intervenierten auch in Rom. 774 wurde König Desiderius von den Franken geschlagen, die das Langobardenreich eroberten.
Seit dem Langobardeneinfall war Italien ein politisch zersplitterter Raum. Während des Zerfallsprozess des Karolingerreiches im 9. Jahrhundert stiegen lokale Machthaber auf. Diese regierten von 888 bis 961 als Könige unabhängig in Oberitalien, bis diese Region (außer der Republik Venedig) unter Otto I. in das Ostfrankenreich integriert wurde. Als Reichsitalien blieb es bis zum Ende des Mittelalters Teil des römisch-deutschen Reiches. In diesem Zusammenhang waren die von den Kaisern geförderten Bischöfe ein wichtiger Faktor zur Herrschaftssicherung in Reichsitalien. Die römisch-deutschen Könige seit Otto I. betrieben jedoch keine stringente Italienpolitik, sondern mussten ihre Herrschaftsrechte (Regalien), vor allem in späterer Zeit, auch militärisch durchsetzen. Realpolitisch relevant war die Beherrschung Oberitaliens vor allem aufgrund der vergleichbar hohen Wirtschafts- und Finanzkraft der dortigen Städte, die seit dem 11. Jahrhundert wieder aufblühten. Zunächst standen viele Städte in Reichsitalien unter dem Einfluss der Bischöfe, bevor sie nach und nach an politischer Autonomie gewannen.Zu diesem Prozess siehe Chris Wickham: Early Medieval Italy. London/Basingstoke 1981, S. 174ff. Neben der immer noch relativ starken städtischen Kultur, war auch die antike Kultur dort in Teilen bewahrt worden. Das schriftliche Niveau lag höher als im Norden, was für eine effektive Herrschaftsausübung vorteilhaft war, wenngleich die persönliche Präsenz des Herrschers weiterhin ein wichtiger Faktor war. Andererseits profitierte Oberitalien von den nun stabileren politischen Verhältnissen.Elke Goez: Geschichte Italiens im Mittelalter. Darmstadt 2010, S. 76f.
Im 8. Jahrhundert hatte sich in Mittelitalien der sogenannte Kirchenstaat etabliert, wobei dessen Umfang und der Status der Stadt Rom selbst zwischen den Päpsten und Kaisern oft umstritten war. Politisch gewannen die Päpste während des Niedergangs der Karolinger für kurze Zeit politischen Spielraum, andererseits musste man in Rom wiederholt Angriffe der Normannen und Araber auf päpstlichen Besitz abwehren. Schon aus diesem Grund begrüßte man das spätere Eingreifen der Ottonen in Italien. Das Papsttum geriet aber im 10. Jahrhundert außerdem in die Auseinandersetzung einflussreicher stadtrömischer Familien, die es für ihre Zwecke instrumentalisierten, was einen Ansehensverlust für den Bischof von Rom bedeutete.Elke Goez: Geschichte Italiens im Mittelalter. Darmstadt 2010, S. 71f. Seit der Ottonenzeit übten, wie zuvor die Karolinger, die römisch-deutschen Herrscher eine Schutzherrschaft über das Papsttum aus, wenngleich es in der Salierzeit zum offenen, auch politisch motivierten Konflikt im Investiturstreit kam.
Byzanz verfügte noch bis ins 11. Jahrhundert über Stützpunkte in Italien. Nachdem Ravenna 751 an die Langobarden verloren ging und man auch nicht mehr in Mittelitalien effektiv eingreifen konnte, konzentrierten sich die Byzantiner auf die Kontrolle ihrer Besitzungen in Süditalien. Diese wurden von arabischen Raubzügen, vor allem seit der von Nordafrika aus erfolgten Eroberung Siziliens im 9. Jahrhundert (Fall von Syrakus 878, Fall Taorminas 902), und seit dem 10. Jahrhundert auch von den römisch-deutschen Herrschern bedroht. Mit dem Fall Baris 1071 endete die byzantinische Herrschaft in Italien endgültig. In Süditalien übernahmen dafür die Normannen eine führende Rolle. Diese waren zu Beginn des 11. Jahrhunderts von dortigen langobardischen Lokalherrschern als Krieger angeworben worden, etablierten aber bald schon eigene Herrschaften.Elke Goez: Geschichte Italiens im Mittelalter. Darmstadt 2010, S. 91ff. Die Normannen nutzten geschickt die komplizierte politische Lage im Raum zwischen Byzanz, Papsttum und lokalen Herrschern aus, wobei die Bündnisse wechselhaft waren. In Aversa, Capua und Salerno entstanden in der Folgezeit normannische Fürstentümer. Die Normannen expandierten ab 1061 auch nach Sizilien, das in der Zwischenzeit von den Byzantinern zurückerobert worden war, und gewannen die Insel für sich. Eine führende Rolle spielte die Familie Hauteville. Bereits 1059 war für sie das Herzogtum von Apulien und Kalabrien als päpstliches Lehen geschaffen worden; sie erlangten 1130 die Königswürde für Sizilien und Unteritalien, bis das Königreich Sizilien 1194 an die Staufer fiel.
Iberische Halbinsel
miniatur|hochkant|Krone des Westgotenkönigs [[Rekkeswinth]]
In Hispanien und Südgallien hatte sich Ende des 5. Jahrhunderts das Westgotenreich etabliert. Die Westgoten mussten jedoch nach der schweren Niederlage in der Schlacht von Vouillé gegen die Franken 507 Gallien bis auf die Region um Narbonne räumen.Allgemein zum Westgotenreich ab dem 6. Jahrhundert siehe Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn 2008, S. 140ff.; Roger Collins: Visigothic Spain 409–711. Oxford 2004, S. 38ff. Toledo wurde die neue Hauptstadt der Westgoten (Toledanisches Reich) und im Laufe des 6. Jahrhunderts entwickelte sich eine westgotische Reichsidee. Dennoch kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem König und einflussreichen Adeligen kam. Erschwerend kam hinzu, dass die Westgoten Arianer waren, was zu Konflikten mit der katholischen Mehrheitsbevölkerung führte. Leovigild war wie sein Sohn und Nachfolger Rekkared I. ein bedeutender Herrscher. Er eroberte 585 das Suebenreich im Nordwesten Hispaniens, scheiterte jedoch bei seinem Versuch, die kirchliche Einheit des Reiches durch einen gemäßigten Arianismus herzustellen. Das Problem löste Rekkared I., der 587 zum katholischen Glauben übertrat, indem er 589 auf dem 3. Konzil von Toledo den Übertritt der Westgoten erreichte. Dies begünstigte den ohnehin recht großen Einfluss der Westgotenkönige auf ihre Reichskirche.Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn 2008, S. 173ff. Die Oströmer wurden zu Beginn des 7. Jahrhunderts aus Südspanien vertrieben und die Franken stellten keine unmittelbare Bedrohung mehr dar. Dennoch gelang es den folgenden westgotischen Königen nicht, eine dauerhafte Dynastie zu begründen. Grund dafür waren die internen Machtkämpfe im 7. Jahrhundert. Es kam immer wieder zu Rebellionen und Machtkämpfen zwischen rivalisierenden Adelsgeschlechtern, wobei der Hofadel besonders einflussreich war.Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn 2008, S. 188ff. Von den westgotischen Königen des 7. Jahrhunderts, wurden mehr als die Hälfte abgesetzt oder ermordet. Dennoch gelang es einzelne Könige durchaus sich zu behaupten, so etwa Chindaswinth (642–653) oder König Rekkeswinth (653–672). Unter Rekkeswinth herrschte im Reich wieder weitgehend Frieden. Er regierte im Einklang mit dem Adel und erließ 654 ein einheitliches Gesetzbuch für Goten und Romanen. Das Reich profitierte von der Anknüpfung an spätrömische Traditionen und erwies sich insgesamt als gefestigt. Der christliche Königsgedanke des Frühmittelalters wiederum war von der westgotischen Idee des sakral legitimierten Königtums beeinflusst. Kulturell erlebte das Reich um 600 eine Blütezeit, deren wichtigster Repräsentant Isidor von Sevilla war. Das Westgotenreich erlangte, nicht zuletzt durch die Tradierung des Wissens in den dortigen Klosterschulen, eine beachtliche kulturelle Strahlkraft. Im frühen 8. Jahrhundert wurde das Reich von den Arabern erobert, die 711 König Roderich in der Schlacht am Rio Guadalete schlugen.Gerd Kampers: Geschichte der Westgoten. Paderborn 2008, S. 222ff.
thumb|Die iberische Halbinsel um das Jahr 1000Die politische Lage auf der Iberischen Halbinsel war im weiteren Verlauf Frühmittelalter recht kompliziert.Speziell zu Spanien im Frühmittelalter siehe Roger Collins: Caliphs and Kings: Spain, 796–1031. Malden, MA/Oxford 2012. Allgemeiner Überblick etwa bei Klaus Herbers: Geschichte Spaniens im Mittelalter. Stuttgart 2006; Ludwig Vones: Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter (711–1480). Sigmaringen 1993 (jeweils mit weiterer Literatur). Nach dem Fall des Westgotenreich drangen die Mauren sogar in das südliche Frankenreich vor, bevor sie gestoppt werden konnten. Obwohl weite Teile der Halbinsel nun unter islamischer Herrschaft standen, formierte sich im Nordwesten das Königreich Asturien. Geflohene gotische Adlige wählten dort 718 Pelagius zu ihrem König, der schließlich den Widerstand organisierte. Dies war der Beginn der Reconquista, der Rückeroberung durch die Christen, in deren Verlauf das Westgotenreich eine wichtige Projektionsfläche darstellte. Bis ins späte 15. Jahrhundert standen sich ein christlicher Norden und ein islamisch beherrschter, lange Zeit sehr viel mächtigerer Süden gegenüber. Neben dem bestehenden Königreich Asturien-León (bzw. seit dem frühen 10. Jahrhundert nur León, das im 11. Jahrhundert mit Kastilien verbunden wurde), das im frühen 10. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte, entstanden weitere christliche Reiche in Nordspanien: Im 9. Jahrhundert die Grafschaft (seit Ferdinand I. im frühen 11. Jahrhundert: Königreich) Kastilien und das Königreich Navarra; hinzu kam die ehemalige fränkische spanische Mark, aus der sich die Grafschaft Barcelona entwickelte, und im 11. Jahrhundert das Königreich Aragon.Vgl. zu den christlichen Reichen zusammenfassend Klaus Herbers: Geschichte Spaniens im Mittelalter. Stuttgart 2006, S. 102ff. Die Christen profitierten von den innenpolitischen Krisen im Emirat und dem späteren Kalifat von Córdoba und waren seit dem 9. Jahrhundert offensiver vorgegangen; trotz mancher Rückschläge und maurischer Gegenangriffe, drängten sie die islamische Herrschaft Stück für Stück nach Süden zurück.
thumb|right|200px|Innenansicht der [[Mezquita-Catedral de Córdoba.]]Allerdings existierten daneben immer wieder friedliche Phasen, zumal der kulturelle Austauschprozess mit Al-Andalus gerade für die christliche Seite sehr vorteilhaft war. Die Mehrheit der Bevölkerung im maurischen Spanien war noch im 10. Jahrhundert christlich (Mozaraber), wie der arabische Geograph Ibn Hauqal feststellte. Es fanden aber Abwanderungen in die christlichen Reiche und Konversionen zum Islam statt, vor allem als sich die zunächst tolerante muslimische Religionspolitik später teils änderte. Unter Sancho III. von Navarra, der sein Reich erheblich ausgedehnt hatte, erlebte das christliche Spanien im frühen 11. Jahrhundert eine politische und kulturelle Erstarkung (letztere gestützt durch eine Klosterreform). Sancho teilte sein Reich unter seinen Söhnen auf, doch wurden nun diese Reiche von Nachfahren derselben Dynastie regiert. Nach dem Fall des Kalifats von Córdoba 1031 spaltete sich der islamische Süden in zahlreiche Klein- und Kleinstreiche auf (Taifa-Königreich), was die christlichen Herrscher ausnutzten. 1085 fiel die ehemalige westgotische Königsstadt Toledo an Alfons VI. von León-Kastilien, woraufhin die muslimischen Herrscher in Sevilla und Granada die Almoraviden aus Nordafrika zur Hilfe riefen, die Alfons 1086 in der Schlacht bei Zallaqa schlugen, bald aber eigene Herrschaften errichteten. Die christlichen Herrscher verbuchten dennoch in der Folgezeit große Erfolge, bevor im 12. Jahrhundert die Almohaden die Herrschaft im Süden zeitweise stabilisierten. Die islamische Periode endete erst 1492 mit dem Fall Granadas.
Die britischen Inseln
200px||miniatur|Die angelsächsischen Königreiche und Stammesgebiete um 600Über die Vorgänge in Britannien unmittelbar nach dem Abzug der Römer zu Beginn des 5. Jahrhunderts liegen kaum schriftliche Zeugnisse vor. Nachdem sich die nach Britannien übersiedelten Angelsachsen um die Mitte des 5. Jahrhunderts erhoben hatten, kam es zu einem Zusammenbruch der römischen Verwaltungsordnung und es entstanden mehrere romano-britische Kleinreiche (Sub-Roman Britain).Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 173ff.; Harald Kleinschmidt: Die Angelsachsen. München 2011; Frank M. Stenton: Anglo-Saxon England. 3. Aufl. Oxford 1971. Um 500 scheinen die Angelsachsen zu einem vorläufigen Siedlungsstopp gezwungen worden zu sein.Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 176. In der Folgezeit drängten sie jedoch die Romano-Briten zurück. Zwar sind Einzelheiten darüber nicht überliefert, doch gelang es den Angelsachsen bis zum Ende des 7. Jahrhunderts weite Teile des Gebiets südlich des Firth of Forth unter ihre Kontrolle zu bringen, wobei es offenbar wiederholt zu schweren Kampfhandlungen kam. Einzelne britische Gebiete konnten jedoch ihre Unabhängigkeit bewahren, so Wales und das heutige Cornwall. Ebenso kam es kaum zu massenhaften Vertreibungen der romano-britischen Bevölkerung.Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 177. Der Christianisierung der Angelsachsen gelang im 7. Jahrhundert der Durchbruch. In dieser Zeit bildete sich auch die sogenannte Heptarchie aus, die sieben bis ins 9. Jahrhundert dominierenden angelsächsischen Königreiche (Essex, Sussex, Wessex, Kent, East Anglia, Mercia und Northumbria), wovon Mercia und Northumbria die mächtigsten waren und es immer wieder zu Kämpfen um die Oberherrschaft kam. Mercia siegte über Northumbria 679 in der Schlacht am Fluss Trent, wodurch Mercias Vormachtstellung begründet wurde; bedroht wurde die angelsächsischen Reiche aber auch von Einfällen der Pikten.Peter Sarris: Empires of Faith. Oxford 2011, S. 361f. Die südlichen angelsächsischen Reiche gerieten in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts endgültig in die Abhängigkeit Mercias, das unter Offa zum mächtigsten Reich in England aufstieg, während Northumbria aufgrund des mercischen Widerstands nach Norden expandierte.
thumb|right|Britannien im frühen 9. JahrhundertDie Vorherrschaft Mercias unter den angelsächsischen Reichen war nur von kurzer Dauer.Allgemeiner Überblick bei Simon Keynes: England, 700–900. In: Rosamond McKitterick (Hrsg.): New Cambridge Medieval History. Bd. 2. Cambridge 1995, S. 18–42; Barbara York: Kings and Kingdoms of early Anglo-Saxon England. London/New York 1990. Bereits im frühen 9. Jahrhundert befreiten sich East Anglia und Kent von der mercischen Vorherrschaft. Unter Egbert gewann Wessex wieder zunehmend an Einfluss. Mit dem Sieg über Mercia in der Schlacht von Ellendun 825 wurde die mercische Hegemonie endgültig gebrochen und Wessex annektierte mehrere andere angelsächsische Gebiete.Zur Geschichte von Wessex in dieser Zeit siehe Barbara York: Wessex in the Early Middle Ages. London/New York 1995, S. 94ff. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts kontrollierte Wessex ganz England südlich der Themse, als 866 die große Wikingerinvasion begann.
thumb|200px|England um 886865/66 schlossen sich mehrere Wikingerführer zusammen und fielen von Dänemark aus mit einem recht großen Heer in Nordostengland ein.Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. New York 2010, S. 359ff. 871 kontrollierten sie bereits den Osten Englands, von York im Norden bis in den Raum London. Doch erst in den 870er Jahren begannen sie sich dort anzusiedeln, wenngleich sie teils angelsächsische Schattenkönige einsetzten. Mit Alfred von Wessex (reg. 871–899), später „Alfred der Große“ genannt, begann jedoch die Zurückdrängung der Wikinger und eine bedeutende Zeit des angelsächsischen Englands.Richard Abels: Alfred the Great. London 1998. Nach anfänglichen Rückschlägen besiegte Alfred die Wikinger 878 in der Schlacht von Edington. Sein Gegner Guthrum ließ sich taufen und zog sich aus Wessex zurück; 886 wurde in einem Vertrag die Grenze zwischen Angelsachsen und Danelag festgelegt. Faktisch herrschte Alfred zu diesem Zeitpunkt über alle Angelsachsen, die nicht im dänischen Herrschaftsbereich lebten. Zur weiteren Abwehr gegen die Wikinger, die gegen Ende seiner Regierungszeit wieder angriffen, wurden burhs (befestigte Plätze) eingerichtet und eine Kriegsflotte aufgestellt. Im Inneren betrieb er nach dem karolingischen Vorbild eine wirksame Kulturförderung.
Die Nachfolger Alfreds drängten die dänische Herrschaft immer weiter zurück, bis nur noch das Königreich York übrig blieb. Doch fanden viele der nachfolgenden Könige von Wessex nicht die allgemeine Anerkennung aller Angelsachsen. So versuchte man in Northumbria einige Zeit, mit Hilfe der Dänen die Unabhängigkeit zu bewahren. Im 10. Jahrhundert kam es daher immer wieder zu Kämpfen um die Herrschaft über das gesamte angelsächsische England. Die relativ lange Regierungszeit Edgars wirkte sich stabilisierend aus, doch nach seinem Tod 975 traten Spannungen wieder offen hervor. Versuche, die Königsmacht zu konsolidieren, hatten nur bescheidenen Erfolg, vor allem weil es seit 980 wieder zu größeren Wikingereinfällen kam. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war unter Knut dem Großen erreicht, der im frühen 11. Jahrhundert kurzzeitig ein maritimes Reich errichtete, das große Teile Westskandinaviens sowie England umfasste.Timothy Bolton: The Empire of Cnut the Great. Leiden 2009, zu seiner Herrschaft in England ebd., S. 107ff. In England bestieg 1042 Eduard der Bekenner den Thron, doch hatte er mit starken innenpolitischen Widerständen zu kämpfen, was ihm nur relativ geringen Handlungsspielraum ließ. Als er 1066 starb, endete damit auch die westsächsische Dynastie. Im Nachfolgekampf setzte sich schließlich der Normanne Wilhelm der Eroberer durch, der 1066 in der Schlacht bei Hastings siegte. Dies bedeutete das Ende des angelsächsischen Englands.
Im Norden Britanniens entstand Mitte des 9. Jahrhunderts das Königreich Schottland aus Vereinigung der Pikten mit den keltischen Dál Riada, wobei das Königtum eher schwach ausgeprägt war. Obwohl eine flächendeckende Herrschaftsdurchdringung nicht oder kaum gelang, wurde Lothian um 950, Cumbria 1018 hinzugewonnen. Kämpfe mit den Angelsachsen waren relativ selten, dafür mussten wiederholt Wikingerangriffe abgewehrt werden.Zusammenfassend siehe Andrew D. M. Barrell: Medieval Scotland. Cambridge 2000, S. 1−15. In Irland tauchten Ende des 8. Jahrhunderts Wikinger auf und errichteten Stützpunkte; im 10. Jahrhundert sind Siedlungen der Wikinger und Kämpfe mit ihnen belegt. Das Hochkönigsamt, das ahistorisch uralt gewesen sein soll, wurde von verschiedenen Gruppen immer wieder beansprucht. Vor allem die Uí Néill, deren Aufstieg bereits im 5. Jahrhundert begann, versuchten es zur Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs zu nutzen und beanspruchten seit dem 7. Jahrhundert das „Königtum von Tara“. Letztendlich dominierten jedoch regionale Kleinkönige und es kam immer wieder zu Kämpfen. So konnte bis ins Hochmittelalter kein starkes, die ganze Insel umfassendes Königtum etabliert werden.Thomas M. Charles-Edwards (Hrsg.): The Chronicle of Ireland. Liverpool 2006; Michael Richter: Irland im Mittelalter. Münster u.a. 2003 (ND).
Skandinavien
miniatur|Die Ausbreitung der Skandinavier in der Wikingerzeit
In Skandinavien begann im 8. Jahrhundert die Wikingerzeit.Vgl. allgemein vor allem die zahlreichen Arbeiten von Peter Sawyer. Einführend siehe F. Donald Logan: The Vikings in History. 2. Aufl. London/New York 1991; Peter Sawyer (Hrsg.): Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Stuttgart 2000 (mehrere NDe). 793 überfielen skandinavische Seefahrer, die sogenannten Wikinger, das Kloster Lindisfarne vor der Küste Englands. In den folgenden Jahren fielen sie wiederholt auf der Suche nach Beute in das Frankenreich und in England sowie in Irland ein, wobei sie teilweise befestigte Plätze zum Überwintern bzw. Siedlungen errichteten. Die Wikinger waren sowohl als Räuber als auch als Händler aktiv. Ihre Züge führten sie bis ins Mittelmeer und nach Osteuropa, schließlich in den Nordatlantik. Dort entstanden auf Island wohl Ende des 9. Jahrhunderts erste Siedlungen, Ende des 10. Jahrhunderts wurde Grönland entdeckt; schließlich fanden sogar Fahrten nach Nordamerika statt (Vinland). Im Osten stießen skandinavische Seefahrer, die sogenannten Waräger, über verschiedene Flüsse bis ins Innere Russlands vor, betrieben Handel und waren auch politisch aktiv, wie etwa die Nestorchronik berichtet (siehe Kiewer Rus). Andere Gruppen gelangten bis in den arabischen und byzantinischen Raum. Die zeitgenössischen Quellen, etwa die angelsächsische Chronik oder die fränkischen Reichsannalen und deren spätere Fortsetzungen, beschreiben mehrfach die verheerenden Überfälle der Wikinger. Dem folgten auch Herrschaftsbildungen durch die Wikinger. Im späten 9. Jahrhundert setzten sie sich im Norden Englands fest, während 911 der Wikinger Rollo vom westfränkischen König mit der Normandie belehnt wurde. Die romanisierten Normannen sollten im 11. Jahrhundert auch in Unteritalien aktiv werden und 1066 England erobern.
Die politische Geschichte Skandinaviens im Frühmittelalter ist recht verworren und die Quellen sind nicht immer zuverlässig.Überblick bei Niels Lund: Scandinavia, c. 700–1066. In: Rosamond McKitterick (Hrsg.): New Cambridge Medieval History. Bd. 2. Cambridge 1995, S. 202–227. Schweden stand in enger wirtschaftlicher Beziehung zu Osteuropa. Ende des 10. Jahrhunderts nahm das Königtum der Svear Gestalt an. Vermutlich war Olof Skötkonung der erste König, der über ganz Schweden herrschte. Er war Christ und nutzte die Religion anscheinend bei dem Versuch, seiner Herrschaft Autorität zu verschaffen, was aber auf Widerstand stieß. Dafür siegte er 999 oder 1000 im Bündnis mit Dänemark in der Seeschlacht von Svold über den norwegischen König Olav I. Tryggvason.Niels Lund: Scandinavia, c. 700–1066. In: Rosamond McKitterick (Hrsg.): New Cambridge Medieval History. Bd. 2. Cambridge 1995, hier S. 220. Über die nachfolgenden frühmittelalterlichen schwedischen Könige ist kaum etwas bekannt. In Norwegen ist ein Königtum um 900 unter Harald I. in den Quellen belegt, doch scheint er objektiv betrachtet eher eine formale Oberherrschaft ausgeübt zu haben (siehe Geschichte Norwegens von Harald Hårfagre bis zur Reichseinigung). Im frühen 11. Jahrhundert förderte Olav II. Haraldsson das Christentum in Norwegen, doch unterlag er Knut dem Großen. Erst sein Sohn Magnus gelangte wieder an die Macht. Dieser musste sich die Herrschaft mit seinem Neffen Harald Hardråde teilen, der ihm 1047 nachfolgte. Harald erlangte die Kontrolle über ganz Norwegen und vollendete die Reichseinigung, fiel aber 1066 in England. Norwegen konnte in dieser Zeit die Unabhängigkeit von Dänemark bewahren, Magnus und Harald erhoben sogar Anspruch auf die dänische Königskrone.Niels Lund: Scandinavia, c. 700–1066. In: Rosamond McKitterick (Hrsg.): New Cambridge Medieval History. Bd. 2. Cambridge 1995, hier S. 226. In Dänemark selbst soll der erste König des gesamten Landes Gorm gewesen sein, doch gibt es Belege für eine Herrschaftskonzentration in Teilgebieten bereits im 8. und 9. Jahrhundert.Niels Lund: Scandinavia, c. 700–1066. In: Rosamond McKitterick (Hrsg.): New Cambridge Medieval History. Bd. 2. Cambridge 1995, hier S. 205 und S. 207. Über Gorm selbst ist kaum etwas bekannt, aber anders als er, lehnte sein Sohn Harald Blauzahn die Taufe nicht ab. Haralds Sohn Sven Gabelbart versuchte sich als Wikingeranführer und fiel auch in England ein; dort wurde er 1013 als König anerkannt, starb aber 1014. Sein Sohn war Knut der Große, der England und Dänemark für kurze Zeit in eine Art Personalunion verband. Knut fiel 1015 in England ein und errang militärische Erfolge. Mit Edmund II. verständigte er sich, übernahm nach dessen Tod 1016 auch Wessex und herrschte somit faktisch über ganz England.Zur Herrschaftsgestaltung siehe Timothy Bolton: The Empire of Cnut the Great. Leiden 2009, S. 9ff. Seit 1014/15 bezeichnete er sich als rex Danorum („König der Dänen“), Alleinherrscher in Dänemark war er seit 1019.Timothy Bolton: The Empire of Cnut the Great. Leiden 2009, S. 155f. Das von ihm errichtete Nordseereich hatte nach seinem Tod 1035 jedoch keinen Bestand.
Ost- und Südosteuropa
Der Osten und Südosten Europas war im Frühmittelalter ein politisch zersplitterter Raum.Einführend siehe Florin Curta: The Making of the Slavs. History and Archaeology of the Lower Danube Region, C. 500–700. Cambridge 2001; Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006; Christian Lübke: Das östliche Europa. Die Deutschen und das europäische Mittelalter. München 2004. Noch im Verlauf der endenden Völkerwanderung im 6. Jahrhundert drangen in den von germanischen Stämmen weitgehend aufgegebenen Raum östlich der Elbe und nördlich der Donau die Slawen ein. Ihre Herkunft bzw. der Prozess ihrer Ethnogenese ist bis heute umstritten und problematisch.Überblick mit Belegen bei Florin Curta: The Making of the Slavs. Cambridge 2001, S. 335ff.; Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006, S. 56ff. Gesichert ist ihr Auftauchen durch archäologische Befunde sowie literarische Quellen (z. B. Jordanes und Prokopios von Kaisareia) erst für das 6. Jahrhundert.Florin Curta: The Making of the Slavs. Cambridge 2001, S. 36ff.; Christian Lübke: Das östliche Europa. München 2004, S. 42–46. Eine aus dem 9. Jahrhundert stammende Aufzeichnung der Slawenstämme findet sich beim sogenannten Bayerischen Geographen. Einzelheiten über die weitere Ausbreitung der Slawen und ihren ersten Herrschaftsbildungen sind kaum bekannt; nur wenn sie in Kontakt bzw. Konflikt mit den Nachbarreichen kamen, ändert sich dies.
thumb|Das Reich der Awaren um 600Im Donauraum tauchten zur Zeit Justinians die Anten auf, wobei es unklar ist, ob es sich bei ihnen bereits um Slawen gehandelt hat. In der Folgezeit überschritten offenbar mehrere slawischen Gruppen die Donau, wobei sie zunächst unter der Oberherrschaft der Awaren standen. Diese hatten Ende des 6. Jahrhunderts im Balkanraum ein eigenes Reich errichtet, bevor die Macht der Awarenkhagane im 7. Jahrhundert spürbar nachließ.Zu den Awaren siehe vor allem Walter Pohl: Die Awaren. 2. Aufl. München 2002. Seit den 580er Jahren geriet die byzantinische Grenzverteidigung im Donauraum unter massiven Druck und gab schließlich zu Beginn des 7. Jahrhunderts nach, zumal die Truppen im Osten im Kampf gegen die Perser benötigt wurden. Slawen fielen daraufhin in die römischen Balkanprovinzen und in Griechenland ein. 626 belagerten Slawen als awarische Untertanen vergeblich Konstantinopel. Nach dem Zusammenbruch der awarischen Vorherrschaft bildeten sich im Balkanraum mehrere slawische Herrschaften, die von den Byzantinern als Sklavinien bezeichnet wurden.Florin Curta: The Making of the Slavs. Cambridge 2001, S. 120ff. Es fand eine faktische Landnahme statt, auch in Teilen Griechenlands siedelten sich Slawen an, wo es aber nach der byzantinische Rückeroberung zu einer Rehellenisierung kam. Mehrere byzantinische Städte im Balkanraum schrumpften, wirtschaftlich und demographisch bedeutete dies ebenfalls einen erheblichen Verlust, wenngleich nur wenige Details bekannt sind.Vgl. Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006, S. 70ff. Andererseits übte Byzanz in der Folgezeit noch einen großen kulturellen Einfluss auf die Balkanreiche aus.
Erst im 8. Jahrhundert konnte Byzanz in diesem Raum wieder in die Offensive gehen, als mit den (später slawisierten) Protobulgaren bereits ein neuer Gegner auftauchte, der ebenfalls eine Bedrohung für das Reich darstellte. Trotz erfolgreicher byzantinischer Militäroperationen, so bereits im 8. Jahrhundert, konnte sich das Bulgarenreich in den Kämpfen mit den Byzantinern behaupten, wie etwa die Erfolge Krums belegen. Bulgarien wurde aber ebenso von byzantinischen Einflüssen geprägt. Unter Boris I. (Taufname Michael) verstärkte sich im 9. Jahrhundert die Christianisierung trotz mancher Widerstände. Höhepunkt der frühmittelalterlichen bulgarischen Geschichte stellte die Regierungszeit Simeons I. im frühen 10. Jahrhundert dar. Die Kampfhandlungen mit Byzanz flackerten immer wieder auf, bevor Kaiser Basileios II. nach harten Kämpfen das Bulgarenreich 1014 eroberte.Aktueller Überblick zur bulgarischen Reichsbildung bei Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Die Entstehung Bulgariens im frühen Mittelalter. Köln u.a. 2007, S. 180ff.
Eine slawische Westbewegung in den Raum des heutigen Tschechiens ist archäologisch für das 6. Jahrhundert belegt, die Ostseeküste wurde wohl im 7. Jahrhundert erreicht. Den Zerfall des Awarenreiches begünstigte die „slawische Expansion“.Christian Lübke: Das östliche Europa. München 2004, S. 47ff. So nutzte dies ein fränkischer Kaufmann namens Samo aus, der sich an die Spitze eines Slawenaufstands stellte und in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kurzfristig ein slawisches Reich (wohl im böhmischen Raum) errichtete, das auch einem Angriff der Franken widerstand, nach Samos Tod aber zusammenbrach.Walter Pohl: Die Awaren. 2. Aufl. München 2002, S. 256ff. Besonders im 9. Jahrhundert entstanden mehrere, auch länger bestehende slawische Herrschaften, so in Böhmen, das bald christianisiert wurde und seit dem 10. Jahrhundert zum römisch-deutschen Reich gehörte. Des Weiteren Kroatien (wobei die Kroaten bereits im 7. Jh. nach Dalmatien eingewandert waren) und Serbien, letzteres geriet bald unter byzantinischen Einfluss; weiter östlich entstanden in Polen und in der heutigen Ukraine (Kiewer Rus) neue Herrschaften. Um 900 fand auch die Landnahme der (nicht slawischen) Ungarn statt, die wiederholt weitreichende Raubzüge unternahmen und mehrmals in Ostfranken einfielen, bevor sie 955 geschlagen wurden. Erster ungarischer König wurde 1001 Stephan I., der Begründer der Árpáden-Dynastie.Christian Lübke: Das östliche Europa. München 2004, S. 123ff. Im 9. Jahrhundert wurde von den Franken die Grenze im Elberaum gesichert.Christian Lübke: Das östliche Europa. München 2004, S. 52ff. Hier hatten sich in karolingischer Zeit mehrere Slawenstämme etabliert, darunter die Abodriten und Wilzen. In ottonischer Zeit wurde die Unterwerfung und Christianisierung der paganen Elbslawen versucht, doch erlitt dieses Vorhaben durch den Slawenaufstand von 983 einen erheblichen Rückschlag.Zur Geschichte und Kultur der „Mitte Europas“ um 1000, einschließlich der slawischen Welt und Ungarn, siehe einführend auch Alfried Wieczorek, Hans-Martin Hinz (Hrsg.): Europas Mitte um 1000. 3 Bde. Stuttgart 2000. Polen, das sich im 8./9. Jahrhundert mit dem Kernraum der Polanen etablierte, erstarkte unter den Piasten im 10. Jahrhundert. Mieszko I. nahm das Christentum an, fortan förderten die polnischen Herrscher die Missionierungen der paganen Gebiete. Mit den ottonischen und salischen Herrschern kam es immer wieder zu Kooperationen (verbunden mit Tributzahlungen) und Konflikten, als Abgrenzung zum römisch-deutschen Reich sind auch die drei Königskrönungen im 11. Jahrhundert zu verstehen. Bolesław I. ließ sich 1024/25 zum König krönen, doch musste Polen schließlich Gebiete an die salischen Herrscher abtreten. Hauptresidenz des verkleinerten Königreichs wurde Krakau.
Byzanz
thumb|Byzanz und das Kalifat im Frühmittelalter
Das Oströmische Reich hatte sich im Laufe des 7. Jahrhunderts tiefgreifend gewandelt. Das in Armee und Verwaltung noch gesprochene Latein war endgültig dem Griechischen gewichen; aufgrund der arabischen Eroberungen sowie der Bedrohung der Balkangebiete waren um die Mitte des 7. Jahrhunderts an den Grenzen Militärprovinzen entstanden, die sogenannten Themen.Zur (umstrittenen) Entstehung der Themen siehe zusammenfassend John Haldon: Military Service, Military Lands, and the Status of Soldiers. Current Problems and Interpretations. In: Dumbarton Oaks Papers 47, 1993, S. 1–67. Auf dem Fundament römischen Staatswesens, griechischer Kultur und christlich-orthodoxen Glaubens entstand das mittelalterliche Byzanz.Zur sogenannten mittelbyzantinischen Zeit siehe neben den diversen allgemeinen Handbüchern vor allem: Leslie Brubaker, John F. Haldon: Byzantium in the Iconoclast era. c. 680–850. A History. Cambridge u. a. 2011; John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. 2. Aufl. Cambridge 1997; Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600–1025. Berkeley 1996. Wichtig ist des Weiteren die Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. Die Abwehrkämpfe gegen die Araber dauerten bis ins 8./9. Jahrhundert an. Byzanz verlor mit den orientalischen und afrikanischen Provinzen bis Ende des 7. Jahrhunderts mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung und des Steueraufkommens. Der Verlust dieser Provinzen, in denen mehrheitlich christliche Kirchen mit einer abweichenden Haltung zur Reichskirche vertreten waren, sorgte aber auch für eine stärkere religiöse Gleichförmigkeit des Reiches. Die arabische Seemacht und regelmäßige Vorstöße zu Land bedrohten zunächst weiterhin Byzanz, während die Balkangebiete und Griechenland von Bulgaren und Slawen bedrängt wurden. In Griechenland siedelten sich im späten 6. (vielleicht aber auch erst im frühen 7.) Jahrhundert slawische Gruppen an, doch sind die Details in der neueren Forschung umstritten.Zu den Slawen in Griechenland siehe (mit einigen Neudeutungen) Florin Curta: Still waiting for the barbarians? The making of the Slavs in "Dark-Age" Greece. In: Florin Curta (Hrsg.): Neglected Barbarians. Turnhout 2011, S. 403–478. Mehrere Küstenregionen blieben in byzantinischer Hand. Die von Slawen beherrschten Gebiete in Griechenland (Sklavinien) wurden bis ca. 800 nach und nach zurückerobert und wieder hellenisiert. Auf dem Balkan sowie in Kleinasien, der nun zentralen Reichsregion, entstanden Festungsstädte, Kastra genannt. Die militärische Neuorganisation, fähige Generale sowie innerarabische Machtkämpfe ermöglichten es dem Reich, diesen Existenzkampf zu überstehen. Der byzantinische Staat konnte sich wieder konsolidieren.
Justinian II. war der letzte Herrscher der von Herakleios begründeten Dynastie. Nach seinem Tod 711 folgten einige Jahre der Anarchie, bevor 717 mit dem Themengeneral Leo wieder ein fähiger Kaiser den Thron bestieg. Leo(n) III. wehrte 717–18 den letzten und ernsthaftesten arabischen Vorstoß auf Konstantinopel ab. Der neue Kaiser ging sogar zu einer begrenzten Offensive über und errang 740 bei Akroinon einen großen Sieg. Leo sicherte die Grenzen und begann im Inneren mit Reformen; so wurde etwa ein neues Gesetzbuch (Ekloge) herausgegeben. 741 folgte ihm sein Sohn Konstantin V. (reg. 741–775) nach, der zunächst eine Usurpation niederschlagen musste. Gegen Araber, Bulgaren und Slawen ging der Kaiser in den folgenden Jahren offensiv vor und errang mehrere Erfolge.Ilse Rochow: Kaiser Konstantin V. (741–775). Materialien zu seinem Leben und Nachleben. Frankfurt am Main u.a. 1994, S. 73ff.
thumb|Byzantinische Miniatur aus dem 9. Jahrhundert. Die Szene zeigt die Übertünchung eines Bildes während des Bilderstreits.Mit der Regierungszeit Leos III. und Konstantins V. wird traditionell ein wichtiger Abschnitt der byzantinischen Geschichte verbunden, der Beginn des sogenannten Bilderstreits, der erst Mitte des 9. Jahrhunderts endete. Den Bilderstreit soll Leo entfacht haben, als er 726 die Christus-Ikone über dem Chalketor am Kaiserpalast entfernt und bald darauf ein Gesetz erlassen habe, dass angeblich die Verehrung der Ikonen verboten habe. In der Forschung wurden dazu unterschiedliche mögliche Motive diskutiert. Das Resultat sei ein „Bildersturm“ gewesen, verbunden mit Zerstörungen von Heiligenbildern und Verfolgungen. Diese Schilderung entspricht der modernen Forschung zufolge aber keineswegs der Realität.Zum Bilderstreit siehe nun vor allem Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012; Leslie Brubaker, John F. Haldon: Byzantium in the Iconoclast era, ca 680-850. A History. Cambridge 2011; vgl. auch die abwägende Darstellung bei Judith Herrin: The Formation of Christendom. Princeton 1987, S. 307ff. Äußerst problematisch ist vor allem die Quellenlage, da fast ausschließlich Berichte der letztendlich siegreichen Seite, der Bilderfreunde (Ikonodulen), erhalten sind und in diesen nachweislich Geschichtsumdeutungen vorgenommen wurden. In mehreren dieser Werken wird gegen die militärisch erfolgreichen und durchaus nicht unbeliebten Kaiser Leo und Konstantin polemisiert (so in byzantinischen Geschichtswerken wie der Chronik des Theophanes). Es ist aber nicht einmal sicher, ob Leo III. tatsächlich konkrete Maßnahmen gegen die Bilderverehrung ergriff, denn belastbare Belege für ein gesetzliches Verbot fehlen. Konstantin V. wiederum hat zwar theologische Traktate gegen die Bilderverehrung verfasst und 754 das Konzil von Hiereia einberufen, anschließend aber kaum ernsthafte Schritte eingeleitet. Zwar war Konstantin offenbar kein Anhänger der Bilderverehrung, Vorwürfe gegen ihn werden aber nicht in zeitgenössischen, sondern in den später entstandenen ikonodulen Quellen erhoben. Mehrere harte Maßnahmen gegen politische Gegner des Kaisers sind demnach erst im Nachhinein zu Maßnahmen gegen Bilderfreunde umgeschrieben worden. Die Auseinandersetzung um die Bilder fand also Mitte des 8. Jahrhunderts zwar statt, jedoch nicht in der überlieferten Form, auch eine mehrheitliche Ablehnung in der Bevölkerung kann keineswegs als gesichert gelten.Zusammenfassend Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 32ff. Generell ist es fraglich, ob der Bilderstreit in Byzanz die Bedeutung hatte, wie es die späteren Quellen zu suggerieren versuchen.Ralph-Johannes Lilie: Byzanz – Das zweite Rom. Berlin 2003, S. 122f. Das zweite Konzil von Nikaia 787 erlaubte die Bilderverehrung nur in bestimmten Grenzen, die Mehrheit der Bischöfe wird wohl noch ikonoklastisch orientiert gewesen sein.Ralph-Johannes Lilie: Byzanz – Das zweite Rom. Berlin 2003, S. 122. Im frühen 9. Jahrhundert flammte der Bilderstreit unter Leo V. (reg. 813–820) wieder auf, wenngleich wohl vor allem das öffentliche Bekenntnis von Bedeutung war. Hintergrund dürfte die Erinnerung an die militärischen Erfolge der „ikonoklastischen Kaiser“ gewesen sein, die bis dahin nicht wiederholt werden konnten.Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 90f. Die neue kaiserliche Politik wurde, wie anscheinend bereits zuvor, von zahlreichen Kirchenführern und Mönchen unterstützt.Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 93. Kaiser Michael III. (reg. 842–867) gestattete jedoch 843 wieder die Ikonenverehrung und beendete damit den Bilderstreit.Zur Einordnung und Bewertung vgl. Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 107ff.
Die von Leo III. begründete Syrische Dynastie hielt sich bis 802 an der Macht; es folgten die Amorische Dynastie (820–867) und die Makedonische Dynastie (867–1057). Außenpolitisch musste das Reich im frühen 9. Jahrhundert einige Rückschläge verkraften. Der Bulgarenkhan Krum schlug 811 ein byzantinisches Heer, tötete den Kaiser und fertigte aus dessen Schädel ein Trinkgefäß. 813 folgte eine weitere Niederlage gegen die Bulgaren, bevor an der Balkangrenze vorerst Ruhe einkehrte. Mitte des 9. Jahrhunderts begannen die Byzantiner die Missionierung der Balkanslawen und Bulgaren. Dennoch kam es Ende des 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts wieder zum Konflikt mit Bulgarien, Byzanz musste zeitweilig sogar Tributzahlungen leisten. Das ehrgeizige Ziel Simeons I., die byzantinische Kaiserkrone zu erlangen und ein bulgarisch-byzantinisches Großreich zu errichten, wurde zwar nicht erreicht; Bulgarien blieb aber ein für Byzanz bedrohlicher Machtfaktor in der Region. Im 10. Jahrhundert errangen die Byzantiner aber auch mehrere Siege. Die byzantinische Flotte beherrschte wieder die Ägäis und in der Regierungszeit der Kaiser Nikephoros II. und Johannes Tzimiskes wurden Kreta, Zypern, Kilikien und Teile Syriens zurückerobert; byzantinische Truppen stießen sogar kurzzeitig bis nach Palästina vor. Gleichzeitig ging allerdings der byzantinische Einfluss im Westen, wo Sizilien um 900 verloren ging, spürbar zurück. Nachdem es Mitte des 7. Jahrhunderts zu einem kulturellen Einbruch gekommen war, wenngleich mehr antike Substanz erhalten blieb als in vielen Regionen des Westens, erholte sich das Reich und es begann im 9. Jahrhundert die sogenannte Makedonische Renaissance. Diese Phase der verstärkten Rückbesinnung auf das antike Erbe in Byzanz wurde von mehreren Kaisern gefördert, darunter Leo VI und Konstantin VII. Im Inneren bestimmten die Generale und Führer der großen Familien die Politik des 10. Jahrhunderts maßgeblich, bevor 976 ein neuer Kaiser an die Macht kam und sich nach schwierigen Beginn durchsetzen konnte. Basileios II. (reg. 976–1025), der letzte einer ganzen Reihe erfolgreicher Feldherrenkaiser des 10. Jahrhunderts, eroberte nicht nur das Bulgarenreich, sondern sicherte auch die byzantinische Ostgrenze. Wenngleich kulturell wenig interessiert, machte er Byzanz wieder endgültig zur Großmacht im östlichen Mittelmeerraum.Zu Basileios siehe vor allem Catherine Holmes: Basil II and the Governance of Empire, 976–1025. Oxford 2005. Seine Nachfolger hatten allerdings weniger Erfolg; die Folgen der Niederlage von Manzikert (1071) waren verheerend, da Byzanz das Innere Kleinasiens an die Türken verlor und von nun an wieder in einen Abwehrkampf gedrängt wurde.
Gesellschaft und Wirtschaft
Im Frühmittelalter lebten über neunzig Prozent der Menschen auf dem Lande und von der Landwirtschaft. Insbesondere nördlich der Alpen gab es nur wenige städtische Siedlungen. Zwischen den Menschen galt eine Vielzahl von Abhängigkeiten, die von Historikern mit dem Begriff Hörigkeit zusammengefasst werden. Bei diesem Frondienst konnte es sich um eine geringfügige Abgabe handeln, die jemand an einen Herrn abliefern musste, zum Beispiel zwei Hühner und ein Maß (1–5 Liter) Korn pro Jahr. Oder aber die Bauern mussten einen erheblichen Prozentsatz ihrer Arbeitsleistung zur Verfügung stellen.Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte. Berlin 1992 (1987), S. 123-125.
Oftmals wird der antiken Sklaverei das mittelalterliche Lehnswesen gegenüberstellt. Jedoch gab es in Europa noch im 10. Jahrhundert Sklaverei,Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte. Goldmann, Berlin 1992 (1987), S. 125. wobei in der Regel nur Andersgläubige versklavt wurden. Andererseits gab es bereits in der Antike viele Formen der Abhängigkeit. Im Lehnswesen gehen Lehnsherr und Lehensnemher ein Abhängigkeitsverhältnis ein. Der Lehnsherr belehnt jemanden beispielsweise mit einem Stück Land, der es Nutzen darf und einen Teil der Erträge dem Lehnsherrn überlässt. Der Lehnsherr ist dem Belehnten zum Schutz verpflichtet, der Belehnte dem Lehnsherrn zu Rat und Hilfeleistung. Dies hat unter Umständen auch eine militärische Seite: Das Lehnswesen ist die Grundlage für das Rittertum, das vielen als Inbegriff des Mittelalters erscheint.
Sozialer Aufstieg war selten, und die geringen Überschüsse damaliger Landwirtschaft konnten auch nur eine geringe Oberschicht ernähren. Im Frankenreich waren vielleicht nur zwei oder drei von hundert Einwohnern adlig. Eine Art Mittelschaft stellten die Freien mit Besitz dar, eine Schicht darunter waren kleine, zu Abgaben pflichtige selbstständige Bauern oder Landarbeiter und Handwerker am Hofe eines Herren. Ganz unten befanden sich die verkaufbaren Sklaven; letzteres Phänomen verschwindet allerdings mit dem Frühmittelalter.Peter Hilsch: Das Mittelalter - die Epoche. Konstanz 2006, S. 124.
Vielleicht die bedeutendste Neuerung des ausgehenden Frühmittelalters ist die Dreifelderwirtschaft. Sie begann auf den Königsgütern der Karolinger im 8. Jahrhundert, und im 12. Jahrhundert erreichte sie auch die Gebiete östlich der Elbe, also im heutigen Nordostdeutschland.Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte. Goldmann, Berlin 1992 (1987), S. 201, S. 204. Ferner wurden Erfindungen gemacht wie das ledergepolsterte Kummet für das Zugpferd, mit dem das Tier mehr als doppelt so stark ziehen konnte. Die verbesserte Landwirtschaft war schließlich die Grundlage für ein enormes Bevölkerungswachstum, das um 1000 nach Christus einsetzte und mit der Großen Pest im 14. Jahrhundert ein vorläufiges Ende nahm.Nach: Peter Hilsch: Das Mittelalter - die Epoche. Konstanz 2006, S. 124.
Kunst
miniatur|Innenansicht der Kirche von [[San Vitale im italienischen Ravenna, Mitte 6. Jahrhundert]]
In der Baukunst bildet die Vorromanik einen Übergang zwischen spätantiken und romanischen Architekturformen. Musik und Theater des Frühmittelalters bleiben aufgrund spärlicher Überlieferungen nach wie vor im Dunkeln. Die Schriften des Boëthius wie des Martianus Capella (5./6. Jahrhundert) finden erst am Anfang des Hochmittelalters wieder größere Beachtung. Dem Niedergang des Schulwesens folgte erst allmählich eine klösterliche Bildungskultur. Die Benediktiner bemühten sich seit dem 6. Jahrhundert um die Gründung von Klosterschulen, die Ende des 8. Jahrhunderts dann zu allen Klöstern gehörten.
Viele Hinweise zeigen, dass sich spätantike Traditionen im Osten besser halten konnten als im Westen. Die Ikonenmalerei wird zu einem Höhepunkt frühmittelalterlicher Kunst. Auch die byzantinische Buchmalerei konnte antike Kontinuitäten bewahren. Der Byzantinische Bilderstreit im 8./9. Jahrhundert bedeutete dagegen einen Unterbruch und hatte zahlreiche Verluste zur Folge. Die Makedonische Renaissance seit dem 9. Jahrhundert beeinflusste wiederum den Westen.
Die Karolinger besannen sich in der sogenannten Karolingischen Renaissance auf spätrömische Tradition, und der klösterliche Kirchengesang der Gregorianik versuchte seit dem 8. Jahrhundert eine, wie man meinte, frühchristliche römische Tradition zu erhalten. Die Bemühungen, in diesem Zusammenhang auch die Musik zu fixieren, führen im 9. Jahrhundert zu den ersten musikalischen Aufzeichnungen in Neumen. Mittelalterliches Theater zeigt sich dagegen erst seit dem 10. Jahrhundert in kurzen Dialogen, die sich aus dem Ostertropus entwickelten.
Die kulturellen Zentren befanden sich zunächst im Osten, in Byzanz und der arabischen Welt. Die frühe islamische Philosophie konnte bereits im 8./9. Jahrhundert an antike Vorbilder anknüpfen, so die Schule der Muʿtazila. Die sāsānidische Akademie von Gundishapur aus dem 3. Jahrhundert hatte das Ende der Antike überstanden und war ein Vorbild für das Haus der Weisheit in Bagdad, das seit 825 die antiken Kenntnisse von Medizin und Mathematik verbreitete.
Literatur
;Gesamtdarstellungen und Überblickswerke
* The New Cambridge Medieval History. Hrsg. von Paul Fouracre u.a. Bd. 1–3. Cambridge University Press, Cambridge 1995–2005.
(Die wohl umfassendste Darstellung des Frühmittelalters mit umfangreicher Bibliographie.)
* Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die westliche Christenheit von 400 bis 900. 3. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln 2001, ISBN 3-17-017225-5.
(Zuverlässige Gesamtdarstellung mit dem Schwerpunkt Kirchen- und Mentalitätsgeschichte.)
* Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl. Palgrave, New York 2010, ISBN 0-230-00673-6.
(Aktuelle wissenschaftliche Einführung mit dem Schwerpunkt auf die politische Geschichte.)
* Johannes Fried: Die Formierung Europas 840–1046 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 6). 3. Aufl. Oldenbourg, München 2008.
* Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter. 500–1050 (= Handbuch der Geschichte Europas 2). Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-2790-3.
(Wissenschaftliche, knappe Einführung mit dem Schwerpunkt Strukturgeschichte.)
* Matthew Innes: Introduction to Early Medieval Western Europe, 300–900: The Sword, the Plough and the Book. Routledge, London u. a. 2007.
* Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen - Von der Bedeutung des frühen Mittelalters (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, Band 8). Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2004, ISBN 3-7001-3296-4.
* Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 2000, ISBN 3-538-07112-8.
(Fundierte und gut lesbare Darstellung, die vor allem die Kontinuitäten und Brüche der Spätantike zum Mittelalter hin herausarbeitet.)
* Peter Sarris: Empires of Faith: The Fall of Rome to the Rise of Islam, 500–700. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 0-19-926126-1.
(Relativ knapper, aber informativer Überblick vom Fall Roms bis ins 7. Jahrhundert.)
* Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. Penguin, London 2009.
(Aktuelle und gut lesbare Gesamtdarstellung des Frühmittelalters.)
;Literatur zu einzelnen Themenbereichen
* Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024 (= Propyläen Geschichte Deutschlands 1). Propyläen Verlag, Berlin 1994.(Umfassende und gut lesbare, aber recht unkonventionelle Darstellung.)
* Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376–568. Cambridge University Press, Cambridge 2007.
(Gut lesbare, umfassende und aktuelle Darstellung der Völkerwanderungszeit.)
* Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh Century. 2. Auflage. Pearson Longman, Harlow u. a. 2004, ISBN 0-582-40525-4.
(Einführung in die frühislamische Geschichte.)
* Ralph-Johannes Lilie: Byzanz – Das zweite Rom. Siedler, Berlin 2003, ISBN 3-88680-693-6.
(Gut lesbare und recht aktuelle Gesamtdarstellung der byzantinischen Geschichte.)
* Anton Scharer, Georg Scheibelreiter (Hrsg.): Historiographie im frühen Mittelalter. Oldenbourg, München/Wien 1994.
* Reinhard Schneider: Das Frankenreich (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 5). 4. Aufl. Oldenbourg, München 2001.
(Knappe Darstellung mit Forschungsüberblick und umfassender Bibliographie)
* Julia M. H. Smith: Europe after Rome. A New Cultural History 500–1000. Oxford University Press, Oxford 2005.
(Problemorientierter kulturgeschichtlicher Überblick.)
* Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Europe and the Mediterranean, 400–800. Oxford University Press, Oxford 2005.
(Grundlegende wirtschafts- und sozialgeschichtliche Darstellung.)
Weblinks
* [http://www.fordham.edu/halsall/sbook.asp Internet Medieval Sourcebook (englische Quellentexte)]
* [http://www.uni-muenster.de/Fruehmittelalter/ Institut für Frühmittelalterforschung], Universität Münster
Anmerkungen
!Fruhmittelalter
{{Link GA|zh}}
an:Alta Edat Meyaar:عصور وسطى مبكرة
bg:Ранно Средновековие
ca:Alta edat mitjana
cs:Raný středověk
cy:Oesoedd Canol Cynnar
Early Middle Ages
eo:Alta Mezepoko
es:Alta Edad Media
et:Varakeskaeg
eu:Goi Erdi Aroa
Haut Moyen Âge
fur:Alte etât di mieç
fy:Iere Midsieuwen
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is:Ármiðaldir
it:Alto Medioevo
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nn:Tidleg mellomalder
no:Tidlig middelalder
pl:Wczesne średniowiecze
pt:Alta Idade Média
ro:Evul Mediu Timpuriu
ru:Раннее Средневековье
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sk:Včasný stredovek
th:ยุคกลางตอนต้น
uk:Раннє Середньовіччя
vi:Tiền kỳ Trung cổ
zh:中世纪前期
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