Toleranz
{{Dieser Artikel|behandelt Toleranz im allgemeinsprachlichen und philosophischen Sinne, zu abgeleiteten Bedeutungen, siehe Toleranz (Begriffsklärung).}}
Toleranz, auch Duldsamkeit,Synonymie nach Mackensen Deutsches Wörterbuch, 11. Auflage, Südwest Verlag, München, 1986, Lemma Toleranz ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.Satz nach Max Müller und Alois Halder Kleines Philosophisches Wörterbuch, 3. Auflage, Herder, 1973, Lemma Toleranz Gemeint ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen.Satz nach Dieter Teichert: Toleranz in Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 4. Band, Metzler, 1996
Das zugrundeliegende Verb tolerieren wurde im 16. Jahrhundert aus dem lateinischen tolerare („erdulden“) entlehnt.Satz nach Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, 2002, Lemma tolerieren Das Adjektiv tolerant in der Bedeutung „duldsam, nachsichtig, großzügig, weitherzig“ ist seit dem 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, belegt.Satz nach Duden «Etymologie» – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 2. Auflage, Dudenverlag, 1989, Lemma tolerieren Ebenso die Gegenbildung intolerant, als „unduldsam, keine andere Meinung oder Weltanschauung gelten lassend als die eigene“.
Der Gegenbegriff zu Toleranz ist die Intoleranz, in der Bedeutung „Unduldsamkeit“ im 18. Jahrhundert aus dem französischen intolérance entlehnt.. Als Steigerung der Toleranz gilt die Akzeptanz, die verstehende Haltung gegenüber einer anderen Person oder ihrem Verhalten.
Begriffsspektrum
Der Begriff der Toleranz findet sich ohne konsistente Bedeutung in Rechtslehre, der politischen Theorie, der Soziologie und der Ethik, jeweils im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Viele Erlasse, die in der Geschichte (religiösen) Minderheiten Duldung zusicherten, werden auch als Toleranzedikte bezeichnet.
Entsprechend der Geschichte der Toleranzidee ist der Begriff häufig mit der religiösen Toleranzforderung verknüpft. So betrachtet der Philosoph Max Müller Toleranz als den gegenseitigen Respekt der Einzelnen gegenüber den Ansichten über die „Letzten Dinge“. Und sieht eine Verankerung im christlichen Liebesgebot.
Im politischen und gesellschaftlichen Bereich gilt Toleranz auch als die Antwort einer geschlossenen Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber Minderheiten mit abweichenden Überzeugungen, die sich in das herrschende System nicht ohne weiteres integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz ein bestehendes System, da fremde Auffassungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht zwangsläufig übernommen werden. Die Toleranz schützt aber auch die Träger einer Minderheitsmeinung vor Repression und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. In diesen Zusammenhängen ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen, theoretischen, Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche. Der von Herbert Marcuse geprägte Begriff repressive Toleranz kritisiert dabei, dass in einer Gesellschaft mit unklarem Wertepluralismus, in der Toleranz als Norm gilt, rationale und berechtigte Kritik wirkungslos bleiben kann.
In der Philosophie ist das Problem der Toleranz mit der Frage nach Wahrheit und Freiheit verbunden: Gibt es „die Wahrheit“ im Besitz von Einzelnen bzw. Gruppen und inwiefern verhält es sich mit Freiheit gegenüber dem als „Wahrheit“ angesehenen?
Geschichte der Toleranzidee
In der europäischen Geistesgeschichte entstand die Toleranzidee im Zusammenhang mit Überlegungen zum Verhältnis der christlichen Religion zu anderen Religionen, seit dem Zeitalter der Glaubenskriege auch bezüglich der Konflikte zwischen unterschiedlichen christlichen Konfessionen.
Eine Befürwortung von Toleranz gilt in der Ideengeschichte auch als ein Hinweis auf eine allmähliche Differenzierung von Kirche und Staat und für die Durchsetzung eines gesellschaftlichen Pluralismus. Entscheidend war in diesem Zusammenhang auch das Zurückdrängen absoluter Geltungsansprüche einzelner religiöser Richtungen in Politik und Rechtsprechung.
Das erste neuzeitliche europäische Toleranzedikt war die Konföderation von Warschau (1573), die als Beginn der staatlich gesicherten Religionsfreiheit in Polen gilt. Als Vorläufer dürfen im Gefolge des Schmalkaldischen Krieges der Passauer Friede von 1552 und der Augsburger Religionsfriede von 1555 gelten.
Der englische Philosoph John Locke konzipierte 1667 in englischer Sprache einen Aufsatz, der 1689 anonym in Latein unter dem Titel Epistola de tolerantia („Brief über die Toleranz“) erschien.Satz nach ''GeflügelteWorte, 2. Aufl. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1982, S. 251
Diesem folgten zwei weitere in englischer Sprache A Second Letter Concerning Toleration (1690) und A Third Letter Concerning Toleration (1692). Locke plädierte für eine gewisse Duldung unterschiedlicher religiöser Bekenntnisse, jedoch nicht des Atheismus und nur eingeschränkt des Katholizismus. In England wurde im ähnlichen Sinne 1689 vom Parlament der Toleration Act verabschiedet.Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichten Drama
Nathan der Weise die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. In Frankreich machte sich Voltaire bereits 1763 in seiner Schrift Traité sur la tolérance („Abhandlung über den Toleranzgedanken“) zum Fürsprecher einer uneingeschränkten Glaubens- und Gewissensfreiheit.Zu Beginn des 19. Jahrhunderts definierte Brockhaus im
Conversations-Lexikon: „Die Toleranz – Duldung – heißt die Zulassung einzelner Personen, oder auch ganzer Gesellschaften, welche in Rücksicht der Religion anders denken, als die zur herrschenden Religion sich bekennenden Bewohner eines Orts oder Landes.“Zitiert nach Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch, 1. Auflage 1809–1811, online unter http://www.zeno.org/Brockhaus-1809/A/Die+Toleranz?hl=toleranz, Abgerufen am: 15. August 2009 Und Goethe forderte in seiner Aphorismensammlung Maximen und Reflexionen'': „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill verwendete in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Begriff der Toleranz nicht als Terminus, sondern sprach von religiöser Toleranz im traditionellen Sinne. Seine Betonung individueller Freiheiten gilt jedoch als wegweisend für die Toleranzidee und die Ausdehnung des Bedeutungsrahmens: Insbesondere seit Mill wird von Toleranz nicht nur in Bezug auf das Verhältnis zwischen Gruppen, sondern auch in Bezug auf Gruppen zu Individuen und Individuen zu Individuen gesprochen.
Literatur
Allgemein
* Hamid Reza Yousefi, Ina Braun: Interkulturalität. Eine interdisziplinäre Einführung; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011; ISBN 978-3-534-23824-8* Artikel „Toleranz“ in: Geschichtliche Grundbegriffe
* Rainer Forst: Toleranz im Konflikt: Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004, ISBN 3-518-29282-X (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 1682).
* Toleranz: philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Hrsg. von Rainer Forst. Campus, Frankfurt a.M. 2000, ISBN 3-593-36405-0 (Theorie und Gesellschaft; 48).
* Hamid Reza Yousefi: Angewandte Toleranz: Gustav Mensching interkulturell gelesen. Bautz, Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-447-2 (Interkulturelle Bibliothek; 49).
* Toleranz vor Augen: Das Projekt von Karl-Martin Hartmann in der Wernerkapelle Bacharach in Zusammenarbeit mit dem Bauverein Wernerkapelle. Hrsg. vom Bauverein Wernerkapelle Bacharach e.V. Universitätsdruckerei H. Schmidt, Mainz 2010, ISBN 978-3-935647-49-6. (Dokumentation einer Vortragsreihe (2008/09) zum Thema Toleranz, u. a. mit Beiträgen von Gerhart Baum, Winfried Hassemer, Necla Kelek, Bernd Kortländer, Ruth Lapide und Leo Trepp.)
* Meinolf Schumacher: „Toleranz, Kaufmannsgeist und Heiligkeit im Kulturkontakt mit den 'Heiden': Die mittelhochdeutsche Erzählung 'Der guote Gêrhart' von Rudolf von Ems“. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik, H. 1, 2010. S. 49-58
* Gustav Mensching: Toleranz und Wahrheit in der Religion,Stuttgart 1955 (3. Aufl. hg. von Udo Tworuschka, Weimar 1996)
Anthologien
* Religiöse Toleranz. Dokumente zur Geschichte einer Forderung. Eingel., komm. u. hrsg. von Hans R. Guggisberg. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1984, ISBN 3-7728-0873-5 (Neuzeit im Aufbau. 4).
* Wege zur Toleranz. Geschichte einer europäischen Idee in Quellen. Hrsg., eingeleitet und erl. von Heinrich Schmidinger. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, ISBN 3-534-16620-5.
* '' Die Toleranz und das Intolerable, Andrei Plesu, Vortrag zu Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Schwabe-Verl./Basel 2004, ISBN 3-7965-2109-6.
Weblinks
{{Wikiquote}}
* {{SWD|4060355-6}}
Einzelnachweise und Fußnoten
Kategorie:Tugend
Kategorie:Politische Philosophie
Kategorie:Religionsfreiheit
ar:تسامح
arz:تسامح
bg:Толерантност
ca:Tolerància social
cs:Tolerance
da:Tolerance
Toleration
eo:Toleremo
es:Tolerancia social
et:Sallivus
fa:رواداری (سیاست)
fi:Suvaitsevuus
Tolérance
gl:Tolerancia
he:סובלנות
hu:Tolerancia
hy:Հանդուրժողականություն
id:Toleransi
it:Tolleranza
ja:寛容
ka:ტოლერანტობა
kk:Толеранттылық
ko:관용
la:Tolerantia
lt:Tolerancija
nl:Tolerantie (maatschappij)
nn:Toleranse
no:Toleranse
pl:Tolerancja (socjologia)
pt:Tolerância
ro:Toleranță
ru:Толерантность
simple:Toleration
sk:Tolerancia (znášanlivosť)
sl:Strpnost
sr:Трпељивост
sv:Tolerans
tl:Pagpapaubaya
tr:Hoşgörü
uk:Толерантність
vls:Tolerantie
zh:寬容
Text und Bilder dieses Beitrags stammen aus dem Artikel Toleranz der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der GNU Free Documentation License. Die Liste der Autoren ist in der Wikipedia unter dieser Seite verfügbar, der Original-Artikel lässt sich hier bearbeiten.