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Wernher von Braun

27.05.2012 @ 18:04, Michael32710,

miniatur|Wernher von Braun im [[Marshall Space Flight Center (Mai 1964)]]

Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun (* 23. März 1912 in Wirsitz, Provinz Posen, Deutsches Reich, heute Wyrzysk, Polen; † 16. Juni 1977 in Alexandria (Virginia), USA) war ein deutscher und später US-amerikanischer Raketeningenieur, Wegbereiter und Visionär der Raumfahrt. Er genießt auf der einen Seite aufgrund seiner Pionierleistungen als führender Konstrukteur der ersten funktionstüchtigen Flüssigkeitsrakete A4 („V2“; 1939/45) und wegen seiner leitenden Tätigkeit bei den Trägersystemen der NASA-Missionen hohes Ansehen, ist allerdings wegen seiner Beteiligung an der Kriegführung des nationalsozialistischen Deutschlands, seinem Einsatz von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit und der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen auch später für die Vereinigten Staaten stark umstritten.

Kindheit und Ausbildung

Wernher von Brauns Eltern waren der ostpreußische Gutsbesitzer und spätere Reichsernährungsminister Magnus Freiherr von Braun und dessen Frau Emmy, Tochter Wernher von Quistorps (1856–1908), Gutsbesitzer und Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Wernhers älterer Bruder Sigismund (1911–1998) war ab 1936 im 3. Reich und auch in der späteren BRD im Auswärtigen Amt tätig; der jüngere Bruder Magnus (1919–2003) wurde Ingenieur in organischer Chemie.

Schon als Kind interessierte sich von Braun sehr für Musik und Naturwissenschaften. Seine Begeisterung für die Astronomie wurde von seiner Mutter geweckt, die ihm zur Konfirmation ein astronomisches Fernrohr schenkte. Mit 13 Jahren experimentierte er im Berliner Tiergarten mit Feuerwerksraketen. Als er das Buch Die Rakete zu den Planetenräumen von Hermann Oberth in die Hände bekam, erlangten die Utopien, die er aus den Abenteuerromanen von Jules Verne und Kurd Laßwitz aufgenommen hatte, etwas Reales. Um das sehr fachwissenschaftliche Buch verstehen zu können, strengte er sich an, seine bis dahin mäßigen Leistungen in Mathematik zu verbessern. Inspiriert wurde er ebenfalls durch das Buch Das Problem der Befahrung des Weltraums des slowenischen Astronomen und Astrophysikers Herman Potočnik (Ende 1928 unter dem Pseudonym Hermann Noordung veröffentlicht). Ab 1929 tüftelte er gemeinsam mit Hermann Oberth in Berlin-Plötzensee und – nach dessen Rückkehr nach Siebenbürgen im August 1930 – mit Mitgliedern des Vereins für Raumschiffahrt in Berlin-Reinickendorf an Raketen mit Flüssigkeitstriebwerken.

miniatur|hochkant=0.9|v. Brauns Abiturzeugnis, 1930

Aufgrund guter Leistungen konnte er vorzeitig mit 18 Jahren im April 1930 die Abiturprüfung an der 1928 gegründeten Hermann Lietz-Schule Spiekeroog ablegen. Von Braun studierte ab 1930 an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und an der ETH Zürich. 1932 erwarb er ein Diplom als Ingenieur für Mechanik an der TH Berlin und trat, gefördert durch Walter Dornberger, als Zivilangestellter in das Raketenprogramm des Heereswaffenamtes ein. Seine Experimente führte er auf dem Versuchsplatz des Heereswaffenamtes in Kummersdorf-Gut etwa 30 Kilometer südlich von Berlin durch. 1934 promovierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin zum Dr. phil. mit einer Arbeit über „Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete“. Im gleichen Jahr erreichte das von Braun konzipierte Aggregat 2, gestartet von der Nordseeinsel Borkum aus, eine Höhe von 2200 Metern. In den Jahren 1935–1937 entwickelte von Braun in enger Zusammenarbeit mit dem Team Ernst Heinkels und dem Testpiloten Erich Warsitz ein Raketentriebwerk, das zuerst in Kummersdorf und später in Neuhardenberg an einem Flugzeug (Heinkel He 112) erprobt wurde.

Peenemünde


miniatur| V2-Raketen auf dem Gelände der Heeresversuchsanstalt Peenemünde

Von 1937 bis 1945 war Wernher von Braun der technische Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom. Hier leitete er unter anderem die Entwicklung des Aggregats 4, kurz A4 genannt, einer Großrakete mit Flüssigtreibstoff. Ab 1943 wurde die Rakete in Serie gebaut und nach ihren ersten Einsätzen auf London V2 (Vergeltungswaffe 2) genannt. Das Aggregat 4 war eine der ersten einsatzfähigen Boden-Boden-Raketen mit Flüssigkeitstriebwerk überhaupt. Neu war an dieser Rakete auch, schubstarke Flüssigkeitstriebwerke mit einem Kreiselsystem zu koppeln. So gelang es erstmals, die Flugbahn zu stabilisieren und Abweichungen automatisch auszuregeln.

Im Jahr 1942 überschritt ein Prototyp erstmals eine Gipfelhöhe von mehr als 80 km, 1945 wurden um 200 km erreicht. Die Rakete Aggregat 4 war damit das erste von Menschen geschaffene Objekt im Weltraum (Definition der FAI: über 100 km).

In Peenemünde existierte seit Juni 1943 ein KZ-Außenlager.{{Literatur|Titel=Mondsüchtig: Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei|Autor=Rainer Eisfeld|Verlag=Zu Klampen Verlag|Ort=Springe|Jahr=2012|ISBN=978-3-86674-167-6|DNB=1017774455|Seiten=95}} Zusätzlich gab es ein zweites KZ, ein Kriegsgefangenenlager in Karlshagen und die Lager Trassenheidehttp://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=19285863&aref=image025/E0121/SCSPG2001022021501.JPG&thumb=false in denen insgesamt 1.400 Häftlinge untergebracht waren.Dazu kamen über 3000 "Ostarbeiter" aus Polen und der Sowjetunion.{{Literatur|Autor=|Titel-P=Massengrab an der Raketenrampe|TitelErg=Historiker Jens-Christian Wagner über Heinrich Lübkes Rolle beim Einsatz von KZ-Häftlingen in Peenemünde|Sammelwerk=Der Spiegel|ISSN=0038-7452|Tag=28|Monat=Mai|Jahr=2001|Seiten=218|Online=[http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-19285864.html online]}} Braun selbst wird im Protokoll zu einer Besprechung vom 25. August 1943 zitiert:

{{Zitat|lang=de|Text=Die Belegschaft für....Mittelteile- und Heckfabrikation könnte aus dem Häftlingslager F1 gestellt werden.|ref={{Literatur|Titel=Mondsüchtig : Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei|Autor=Rainer Eisfeld|Verlag=Zu Klampen Verlag|Ort=Springe|Jahr=2012|ISBN=978-3-86674-167-6|DNB=1017774455|Seiten=115}}}}

Damit nahm Professor von Braun Bezug auf den Keller der Fertigungshalle F1 der Heeresversuchsanstalt Peenemünde in der die A4-Rakete produziert wurde in dem 500 Menschen eingepfercht waren. Diesen bezeichnete er als Häftlingslager F1. Jens-Christian Wagner/http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-19285864.html Damit wird deutlich, dass Professor von Braun nicht nur technischer Direktor war.

Ein Dokument zum Häftlingseinsatz ist eine Aktennotiz vom 16. April 1943 anlässlich einer Besichtigung des Häftlingseinsatzes bei den Heinkel-Werken in Oranienburg. Ein „Technischer Direktor“ der HVA Peenemünde, Arthur Rudolph, später Direktor des Entwicklungsprogramms der Saturn V, merkt die äußerst schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter, darunter viele Ostarbeiter und Franzosen an und zwar zustimmender Weise.{{Literatur|Autor=Till Bastian|Titel=High Tech unterm Hakenkreuz: von der Atombombe bis zur Weltraumfahrt|Verlag=Militzke|Ort=Leipzig|Jahr=2005|ISBN=3-86189-740-7|DNB=975049631|Seiten=222}}

HVA-Leiter Walter Dornberger zum Umfang an beschäftigten HVA-Zwangsarbeitern, im von ihm unterzeichnetem Besprechungsprotokoll vom 4. August 1943: „Das Verhältnis der deutschen Arbeiter zu den KZ-Häftlingen soll 1:15, höchstens 1:10 betragen“Rainer Eisfeld: Mondsüchtig : Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. ISBN 978-3-86674-167-6, DNB 1017774455/S. 20

Politik und Technik


links|miniatur|Wernher von Braun in [[Peenemünde, Frühjahr 1941]]
Am 1. Dezember 1938 trat von Braun der NSDAP bei und wurde am 1. Mai 1940 Mitglied der SS (SS-Nr. 185068), in der er bis zum Sturmbannführer (28. Juni 1943) aufstieg.Vgl. ZDF-Dokumentation: [http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/ZDFinfo/2942372/6626138/6f88e2/Wernher-von-Braun-Der-Raketenmann.html Der Raketenmann: Wernher von Braun] Wernher von Braun zu seinem Professortitel:

"Nach meinem Gespräch mit Hitler sah ich zufällig, dass Speer mit ihm - gleichsam hinter vorgehaltener Hand - etwas besprach. Wenige Augenblicke danach schritt Hitler auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: Professor, ich möchte Ihnen zu Ihrem Erfolg gratulieren. Auf diese recht unkonventionelle Art kam ich zu dem Titel. Wenige Wochen später überreichte mir Dornberger eine große Urkunde über meine Ernennung zum Professor. Sie trug Hitlers eigenhändige Unterschrift."Eisfeld 1996, S. 103; Ruland, Mathias: "Albert Speerdas Ende eines Mythos", Bern, München 1982Belegt ist ein Gefängnisaufenthalt im März 1944, als von Braun auf Betreiben Himmlers von der Gestapo verhaftet wurde. Ihm wurde Verrat und Wehrkraftzersetzung sowie Vorbereitung zur Flucht nach England vorgeworfen, was mit der Todesstrafe geahndet werden konnte. Nur seine besondere Bedeutung im Raketenprogramm ließ ihn nach Intervention von Speer und Dornberger bei Hitler wieder freikommen.

Am 29. Oktober 1944 wurden von Braun und Walter Dornberger nach dem Einsatz der V2 an der Westfront mit dem Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern ausgezeichnet.

Dass Wernher von Brauns persönliche Ziele auf die Raumfahrt gerichtet waren, geht unter anderem aus Entwürfen der Aggregate 9 bis 12 mit ihren Astronauten-Kapseln hervor.

Weshalb seine Person so umstritten ist, wird auch deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Wernher von Braun im militärischen Auftrag an einer Waffe arbeitete, die mit bisher unerreichter Reichweite und Geschwindigkeit eine Tonne Sprengstoff ins Ziel brachte. Auch in seiner späteren Wirkungszeit in den USA stellte er sich aus eigenem Antrieb in den Dienst der Rüstung und war unter anderem wesentlich an der Entwicklung der ersten amerikanischen atomaren Mittelstreckenrakete beteiligt, der Redstone.

Dora-Mittelbau


miniatur|hochkant|Unterirdische Stollen,[[Mittelwerk GmbH,Mittelbau-Dora, Kohnstein bei Niedersachswerfen, Aggregate der "V2", Ansicht des Haupttunnels 1945]]
Nach der Bombardierung („Operation Hydra”) der Anstalt in Peenemünde in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 sollte die eigentliche Produktion der V2 unter die Erde verlegt werden, um sie vor weiteren Bombenangriffen zu schützen und möglichst geheim zu halten. Daraufhin erhielt das Konzentrationslager Buchenwald ein neues Außenlager: das „Arbeitslager Dora“.

Für die Serienherstellung der V2 wurden Häftlinge des Konzentrationslagers mit dem späteren Namen Mittelbau-Dora eingesetzt, die ihre Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen verrichten mussten. Daher wird dieser Lebensabschnitt von Brauns von vielen Historikern sehr kritisch bewertet, da er eine Verantwortlichkeit für diese Produktion schwerlich abweisen konnte. Andere werfen ihm zumindest Opportunismus vor.

So forderte er in einem Schreiben vom 12. November 1943 die Zahl von 1350 Arbeitskräften an, was seinerzeit stets KZ-Häftlinge bedeutete. Einige Insassen des Konzentrationslagers bezeugten später zudem, ihn bei der Besichtigung der Arbeitsstätten gesehen zu haben. Es wird von 5-20 Aufenthalten des Professors im Mittelwerk ausgegangen.S.23/Rainer Eisfeld: Mondsüchtig : Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. ISBN 978-3-86674-167-6, DNB 1017774455Von Braun gab diese Zahlen in einem Gerichtsprozess am 14. Oktober 1947 in Texas an.Rainer Eisfeld: Mondsüchtig : Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. ISBN 978-3-86674-167-6, DNB 1017774455 S.23/S.249. Von Braun selbst erklärte, dass er vom Elend der Zwangsarbeiter nichts gewusst hätte und für deren Einsatz nicht verantwortlich gewesen sei. Allerdings berichtete er 1969 in einem Interview, dass die so wörtlich „Hungergestalten“ in einem „erbarmungswürdigen Zustand“ gewesen seien, Eindrücke, die „schwer auf der Seele jedes anständigen Mannes lasten“ würden. Nach eigenen Angaben schämte er sich damals, dass solche Dinge in Deutschland möglich waren, selbst angesichts der Kriegssituation.

miniatur|hochkant|[[London, Camberwell Road, "V2" Explosion, ca. 1944]]

Für die Anwesenheit Wernher von Brauns im Lager Dora-Mittelbau gibt es keine direkten Belege. Allerdings liegt sein Brief vom 15. August 1944 an Albin Sawatzki vor, der für die Planung und Steuerung der V2-Fabrikation verantwortlich war. Dieser belegt, dass von Braun im KZ Buchenwald war und dort selbst Häftlinge aussuchte. Von Braun wohnte 1944 zeitweise in Bleicherode (20 Kilometer vom Lager Dora-Mittelbau entfernt). Im Spätsommer 1944 wurde sein Bruder Magnus von Braun direkt nach Dora-Mittelbau versetzt, wo er Gyroskope, Servomotoren und Turbopumpen für die A4 entwickelte.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau von Dora-Mittelbau und der anschließenden Fertigung der A4-Rakete und anderer Waffen kamen nach offizieller Zählung in den SS-Akten ca. 12.000 Zwangsarbeiter ums Leben. Neueren Schätzungen zufolge könnte die Zahl der tatsächlichen Todesopfer sogar bis zu 20.000 betragen haben.{{Literatur|Titel=Mondsüchtig : Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei|Autor=Rainer Eisfeld|Verlag=Zu Klampen Verlag|Ort=Springe|Jahr=2012|ISBN=978-3-86674-167-6|DNB=1017774455|Seiten=26}} Der Einsatz der Waffe forderte insgesamt ca. 8.000 Opfer, hauptsächlich in der Zivilbevölkerung. Die V2 war somit die einzige Waffe, deren Produktion mehr Opfer forderte als ihr Einsatz.

Auch beim einzigen alliierten Prozess 1947, in dem ausschließlich Verbrechen im KZ Mittelbau-Dora verhandelt wurden, war von Braun weder angeklagt noch als Zeuge geladen. Allerdings sagte sein Bruder als Zeuge dort im Nordhausen-Prozess gegen die Lagerleitung des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau aus. Er stand wie Wernher von Braun mittlerweile schon in amerikanischen Diensten.Produktion Des Todes: Das Kz Mittelbau-Dora von Jens-Christian Wagner S.557,558

V2-Einsatz und Kriegsende


miniatur|hochkant|[[Antwerpen, Opfer einer V2, am 27. November 1944 in den Niederlanden]]

miniatur|hochkant|[[Walter Dornberger, Herbert Axter, Wernher von Braun und Hans Lindenberg (v. l.) am 3. Mai 1945, nach ihrer Verhaftung durch US-Truppen]]

Insgesamt kamen rund 3000 V2-Raketen zum Einsatz, rund ein Drittel davon gegen London, ebenso viele gegen Antwerpen, das mit seinem Hafen von hoher Bedeutung für den alliierten Nachschub war. Ein Angriff richtete sich auch gegen das von den alliierten Streitkräften befreite Paris.

Die Sprengkraft aller abgefeuerten V2-Raketen zusammen indes war kaum stärker als ein einziger mittlerer Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Die Wirkung war psychologischer Art, weil es gegen diese, laut deutscher Propaganda "Wunderwaffe", fast kein Gegenmittel und keine Warnung gab und diese der eigenen Bevölkerung als militärischer Notanker verkauft werden konnte– die tatsächliche militärisch-strategische Bedeutung war aber gering.

Am 11. April 1945 besetzten US-Truppen die Produktionsstätten in Bleicherode, das Mittelwerk. Einhundert A4-Raketen wurden in die USA abtransportiert und bildeten dort die Grundlage des US-amerikanischen Raketenprogramms.

Wenige Tage vorher hatten sich die Raketenpioniere um Wernher von Braun und General Walter Dornberger nach Süddeutschland in Hotels und Kasernen in der Umgebung von Oberammergau (genauer: Peiting, ca. 25 km nordwestlich) abgesetzt, um den sowjetischen Besatzern zu entgehen. Nach der Besetzung Oberbayerns durch amerikanische Truppen kontaktierte der englischsprechende Bruder Magnus von Braun die Amerikaner, mit deren strategischem Interesse am deutschen Raketen-Know-how sie fest rechnen konnten. Noch zu Kriegszeiten wurden in der Aktion Operation Overcast gezielt deutsche Wissenschaftler gesucht, um sich ihres Wissens bemächtigen zu können. Am 2. Mai 1945 stellte sich von Braun zusammen mit einigen Wissenschaftlern aus seinem Team den US-Streitkräften in Oberjoch, wo er im Sporthotel Ingeburg, dem heutigen Alpenhotel, Unterschlupf gefunden hatte.

Erste Jahre in den USA


miniatur|Patentskizze Wernher von Brauns, US Patent 2967393,1961-01-10
miniatur|hochkant|Familie von Braun
miniatur|hochkant|Von Braun vor dem Start von [[Pioneer (Raumsonden-Programm)|Pioneer 4, März 1959]]
miniatur|hochkant|Wernher von Braun mit US-Präsident [[John F. Kennedy am 19. Mai 1963]]
miniatur|hochkant|Wernher von Braun mit [[Walt Disney (links), 1954]]

miniatur|Grab von Wernher von Braun (2008)

Wernher von Braun wurde von den Amerikanern im Winter 1945/1946 in Bad Kissingen im Hotel Wittelsbacher Hof untergebracht, das Standort der Operation Overcast und Herberge für viele Wissenschaftler aus Peenemünde war. Im Frühjahr 1946 wurden die Wissenschaftler in die USA gebracht, nachdem schon 1945 mehr als hundert Raketen-Entwickler im Rahmen der Operation Overcast (seit März 1946 Operation Paperclip genannt) in die USA verschifft worden waren. Auch Walter Dornberger vom Heereswaffenamt fand 1947 in den USA einen neuen Wirkungskreis. Von Braun musste sich zunächst in Fort Bliss (Texas), unter der Aufsicht von US-Truppen, beschäftigen und leitete dann ab 1950 in Huntsville (Alabama) ein Team von mehr als hundert Entwicklern für die US-Armee. Die Nazi-Vergangenheit der deutschen Techniker wurde großzügig übersehen.

Nach einer schriftlichen Verlobung reiste Wernher von Braun im Februar 1947 in das besetzte Deutschland zurück und heiratete am 1. März 1947 in Landshut seine Cousine Maria von Quistorp (* 1928). Am 9. Dezember 1948 wurde die Tochter Iris Careen geboren. 1949 reiste die Familie von Braun offiziell in die USA ein (Voraussetzung für die Einbürgerung). Sein Vater kehrte später wieder nach Deutschland zurück und starb 1972 in Oberaudorf (Landkreis Rosenheim).

Von Braun der zunächst nur technischer Berater des US-amerikanischen Raketenprogramms war, wurde nun beauftragt, die Arbeit des 1945 verstorbenen Raketenpioniers Robert Goddard in White Sands, New Mexico, fortzusetzen. Wurde nun ab 1950 in Huntsville Leiter der Redstone-Entwicklung, einer atomaren Kurzstreckenrakete der US Army.

Seine Ideen der bemannten Weltraumfahrt konnte von Braun am 12. Oktober 1951 auf dem First Symposium on Space Flight diskutieren, einer Konferenz, die im Hayden Planetarium in New York stattfand. Zwischen März 1952 und April 1954 veröffentlichte er zusammen mit anderen Autoren eine Serie von Artikeln in der Zeitschrift Collier's Weekly. Damit wurde der breiten amerikanischen Öffentlichkeit die bemannte Weltraumfahrt als technisch durchführbar vorgestellt.

Die Tochter Margrit Cecile wurde am 8. Mai 1952 geboren. Am 14. April 1955 wurde von Braun US-amerikanischer Staatsbürger. Am 17. Februar 1958 erscheint von Braun mit der Bezeichnung Missileman auf dem Titelbild des TIME Magazine.

NASA


miniatur|links|hochkant|Von Braun vor Triebwerken der [[Saturn (Rakete)|Saturn V]]

Zur NASA wurde er offiziell am 21. Oktober 1959 überstellt. Kurz vorher war dort die Entscheidung zum Bau einer großen Trägerrakete, der späteren Saturn V, gefallen.

Am 2. Juni 1960 kam Sohn Peter Constantin zur Welt. Im selben Jahr wurde von Braun zum Direktor des Marshall Space Flight Center in Alabama ernannt, eine Position, die er bis 1970 innehatte. Dort war er maßgeblich an den erfolgreichen Mercury-, Gemini- und Apollo-Programmen beteiligt. Er leitete die Entwicklung der ersten Stufe der Saturn-V-Trägerrakete, die am 27. Oktober 1961 das erste Mal gezündet wurde.

Sein größter Erfolg und Erfüllung langjähriger Träume aber war die bemannte Mondlandung im Jahr 1969. Sein sowjetischer Rivale Sergei Pawlowitsch Koroljow, der Vater der sowjetischen Raumfahrt, konnte dieses Ereignis nicht mehr erleben – er war bereits 1966 gestorben. Koroljow war von Braun auch erst nach seinem Staatsbegräbnis bekannt, da das sowjetische Raumfahrtprogramm der Geheimhaltung unterlag.

Von 1970 bis 1972 war Wernher von Braun stellvertretender Direktor der NASA und setzte sich für eine Fortführung der Projekte ein, darunter auch für eine bemannte Mars-Mission. Enttäuscht von den starken Budgetkürzungen durch den US-Kongress verließ er 1972 die NASA und wurde Vizepräsident von Fairchild, einem Luft- und Raumfahrtkonzern.

Am 31. Dezember 1976 trat Wernher von Braun in den Ruhestand; am 16. Juni 1977 starb er an Nierenkrebs in Alexandria (Virginia) und wurde auf dem dortigen Ivy Hillside Cemetery (Section: T Plot: 29) beigesetzt. Auf dem Grabstein stehen der Name, das Geburts- und das Todesjahr, sowie aus der Bibel der {{B|Psalm|19|1}}: „Die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes; und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk“.

Ehrungen


* Am 8. Juli 1943 Ernennung zum Professor (eigenhändige Unterschrift Hitlers auf der Urkunde)
* Am 28. Oktober 1944 erhielt er das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern
* 1960 wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
* 1969 erhielt er die Wilhelm-Exner-Medaille
* 1975 wurde er mit der Goldenen Medaille der Humboldt-Gesellschaft ausgezeichnet.
* 1994 wurde der Mondkrater 192von Braun193 nach ihm benannt.

* 2010 fand das dritte Wernher-von-Braun-Memorial-Symposium der US-amerikanischen Astronautenvereinigung an der University of Alabama in Huntsville statt.[http://www.nasa.gov/centers/marshall/news/news/releases/2010/M10-143.html 3rd Wernher von Braun Memorial Symposium: 21st Century Approaches to the Use and Development of Space] nasa.gov, abgerufen am 25. Oktober 2010

Er hielt Ehrendoktortitel folgender Hochschulen:
* University of Alabama
* University of Tennessee at Chattanooga
* University of Pittsburgh
* Saint Louis University
* Technische Universität Berlin (1963)
* Canisius College, Buffalo
* Clark University Worcester, Mass.
* Adelphi College, New York

* Pennsylvania Military College, Philadelphia (heute: Widener University)

Nach ihm sind Schulen in Friedberg/Bayern, Neuhof (bei Fulda) sowie zahlreiche Straßen benannt.

Rezeption

Wernher von Braun erlangte in den USA rasch eine große Popularität, auch wegen der Veröffentlichungen seiner Bücher und öffentlichen Auftritten. Bekannt machten ihn vor allem drei Fernsehproduktionen Walt Disneys: Man in Space (1955), Man and the Moon (1955) und Mars and Beyond (1957). In diesen von Ward Kimball realisierten Kurzfilmen trat von Braun an der Seite Disneys auf und erläuterte seine Theorien.

Sein Buch Das Marsprojekt beeinflusste den von George Pal produzierten Science-Fiction-Film Die Eroberung des Weltalls (Conquest of Space, 1955). Und bereits 1960 wurde seine Lebensgeschichte unter dem Titel Wernher von Braun: Ich greife nach den Sternen als US-deutsche Co-Produktion mit Curd Jürgens in der Titelrolle verfilmt.

Als von Braun stetig zu einer Koryphäe der US-amerikanischen Raumfahrt aufstieg, wurde in der Öffentlichkeit und im Fernsehen gelegentlich nach seiner Vergangenheit im Dritten Reich gefragt. Von Braun distanzierte sich dabei stets vom Nationalsozialismus und wies auch eine Mitschuld im Zweiten Weltkrieg von sich.

Zu Brauns bis heute anhaltender Bezeichnung als Visionär schreibt Rainer Eisfeld:

„Braun profitierte von seiner Anpassung an den Zeitgeist, der die Implikation eigenen Handelns wegschob, indem er auswich auf eine Vision.“

Der amerikanische Liedermacher Tom Lehrer widmete ihm einige scharfzüngige Verse, die den Opportunismus von Brauns aufs Korn nehmen (zit. in Eisfeld):[http://www.youtube.com/watch?v=kTKn1aSOyOs Tom Lehrer - Wernher von Braun]@youtube.com, abgerufen am 25. Oktober 2010
{| style="float: left;
| colspan="3" |
|valign = "top" |
|-
| || || Übersetzung:
|-
|Once the rockets are up, || || Wenn die Raketen erstmal oben sind,
|-
|who cares where they come down, || || wen schert‘s, wo sie ‘runterkommen,
|-
|„That's not my department“, || || „Das ist nicht mein Fachgebiet“,
|-
|says Wernher von Braun. || || sagt Wernher von Braun.

|}

Die Berliner Kultband Mythos um Stefan Kaske veröffentlichte 1975 auf dem Album Dreamlab ein Stück mit dem Titel "Dedicated to Wernher von Braun". Von der deutschen Minimal Electro-Gruppe Welle: Erdball gibt es wiederum einen zynischen Song mit dem Titel "Apollo IX/V1/V2/Aggregat 4" über ihn.

Nach den erfolgreichen Apollo-Mondlandungen verfolgte Wernher von Braun weiter mit viel Elan weitreichende Pläne, bis zum bemannten Marsflug. Bei der NASA und auch in der amerikanischen Öffentlichkeit stieß er damit aber nicht nur auf Begeisterung. Ein Redakteur von Reader’s Digest kommentierte: „Wernher von Braun möchte am liebsten weiter Geld ausgeben wie ein volltrunkener Matrose“ (zit. in Eisfeld).

Anlässlich des 100. Geburtstags im Jahr 2012 wurde auf Initiative des Polnisch-Deutschen Kulturforums Insel Usedom die so genannte Peenemünder Erklärung veröffentlicht, in der vor einer Idealisierung Brauns gewarnt wird und eine "wissenschaftlich seriöse Aufarbeitung" der Rolle von Brauns im Nationalsozialismus gefordert wird. Zu den Erstunterzeichnern gehören Historiker wie Werner Buchholz, Bernd Faulenbach, Anton Schindling und Thomas Stamm-Kuhlmann, aber auch Politiker wie Thomas Freund und Karin Timmel.{{Internetquelle|url=http://www.peenemuender-erklaerung.eu | titel=Peenemünder Erklärung 2012 zum 100. Geburtstag von Wernher von Braun | zugriff=2012-04-01|sprache=de}}

Schriften (Auswahl)

  • Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete. Dissertation. Berlin, 1934
    * Das Marsprojekt. Studie einer interplanetarischen Expedition. Frankfurt am Main 1952
    * Across the Space Frontier (dt. Station im Weltraum, 1953; dann unter Die Eroberung des Weltraums, 1958)
    * zusammen mit Willy Ley, Fred L. Whipple: Conquest of the Moon (dt. Die Eroberung des Mondes, 1954)
    * zusammen mit Willy Ley: The Exploration of Mars (dt. Die Erforschung des Mars, 1957)
    * zusammen mit Willy Ley et al.: Start in den Weltraum. Ein Buch über Raketen, Satelliten u. Raumfahrzeuge, 1958
    * First Men to the Moon (dt. Erste Fahrt zum Mond, 1961)
    * Griff nach den Sternen. Sinn und Möglichkeiten der Weltraumfahrt. München 1962
    * Space Frontier (dt. Bemannte Raumfahrt, 1968)

    * zusammen mit Frederick I. Ordway: The Rockets' Red Glare (dt. Raketen. Vom Feuerpfeil zum Raumtransporter, 1979)

    Literatur


    - chronologisch absteigend -
    * Ulli Kulke: Weltraumstürmer. Werner von Braun und der Wettlauf zum Mond. Quadriga, Berlin 2012, ISBN 978-3-86995-026-6
    * Michael J. Neufeld: Von Braun. Dreamer of Space, Engineer of War. Alfred A. Knopf, New York 2007, ISBN 978-0-307-26292-9; deutsche Ausgabe: Wernher von Braun. Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges. Siedler Verlag, München 2009, ISBN 978-3-88680-912-7
    * Stefan Brauburger: Wernher von Braun. Ein deutsches Genie zwischen Untergangswahn und Raketenträumen. Pendo Verlag, München 2009, ISBN 9783866122284
    * Niklas Reinke: Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik. Konzepte, Einflussfaktoren und Interdependenzen: 1923-2002, München 2004, ISBN 3-486-56842-6
    * Johannes Weyer: Wernher von Braun. Rowohlts Monographien. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-50552-5
    * Volkhard Bode und Gerhard Kaiser: Raketenspuren. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1997, ISBN 3-86047-584-3
    * Ernst Stuhlinger und Frederick I. Ordway: Wernher von Braun – Aufbruch in den Weltraum. Die Biographie. Bechtle, Esslingen und München 1992, ISBN 3-7628-0515-6

    * Bernd Ruland: Wernher von Braun: Mein Leben für die Raumfahrt. Burda Verlag Offenburg, 1969

    Film


    * Der Raketenmann: Wernher von Braun. Wernher von Braun und der Traum vom Mond. Dokumentation, Doku-Drama, Computeranimationen, Deutschland, 2009, 88:17 Min., Buch: Stefan Brauburger, Dirk Kämper, Regie: Peter Claridge, Dirk Kämper, Produktion: ZDF, Reihe: History, Erstsendung: 14. Juli 2009, vom ZDF,
    Die Dokumentation zeichnet detailliert mit nachgestellten Szenen, Archivaufnahmen, Computeranimationen, Zeitzeugen (u.a. Ernst Stuhlinger) und Historikern die Raketenforschung von Braun nach. Allerdings stoppt die Biographie mit der braunschen Raketenentwicklung im Dritten Reich bei der V2 und lässt eine Entwicklung von weiteren Raketentypen nur als „Pläne“ gelten.
    * Prüfstand 7 , Drehbuch und Regie: Robert Bramkamp
    Schauspieler: Inga Busch, Peter Lohmeyer, u. a.

    Länge: 112 Minuten, Dschld. 2001

    Weblinks

{{Wikiquote|Wernher von Braun}}
{{Commons|Wernher von Braun}}
{{Wikibooks|Der Wettlauf zum Mond – Die Rolle der Raumfahrt im Kalten Krieg}}
* {{DNB-Portal|118514652}}
* {{IMDb Name|ID=0902042|NAME=Wernher von Braun}}
* [http://knerger.de/html/braunwerwissenschaftler_50.html Grabstelle auf dem Ivy Hill Cemetery (Virginia)]
* [http://history.msfc.nasa.gov/vonbraun/index.html Wernher von Braun]@Marshall Space Flight Center History Office

* [http://vault.fbi.gov/Wernher%20VonBraun Wernher VonBraun] FBI Record, fbi.gov, abgerufen am 12. April 2011

Biografien

  • [http://www.astris.de/personen/wernher_von_braun.html Wernher von Braun], extrasolar-planets.com (dt.)
    * {{LeMO|BraunWernher|Wernher Freiherr von Braun|Levke Harders}}
    * Video: [http://www.wvbneuhof.de/unsere-schule/schulentwicklung/wernher-von-braun/besuch-wernher-von-brauns-1975.html Rede Wernher von Brauns anlässlich eines Besuchs der nach ihm benannten Schule am 23. Mai 1975]

    * [http://www.kalenderblatt.de/index.php?what=thmanu&manu_id=924&tag=16&monat=6&weekd=&weekdnum=&year=2005〈=de&dayisset=1 16.6.1977: Wernher von Braun gestorben], Deutsche Welle

    Peenemünder Zeit

  • [http://rhein-zeitung.de/on/97/06/16/topnews/braun.html Wernher von Braun und das KZ: Dunkles Kapitel einer Lichtgestalt], dpa / Rhein-Zeitung, 16. Juni 1997
    * [http://www.dora.de/ KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora]

    * [http://www.v2rakete.de/ Alles über die V2-Rakete], v2rakete.de

    White Sands Missile Range und NASA

  • [http://history.nasa.gov/sputnik/braun.html Kurzbiografie] der NASA (engl.)
    * [http://history.nasa.gov/SP-4223/ch3.htm von Braun-Story] NASA (engl.)

    * [http://www.nasaimages.org/luna/servlet/view/search;jsessionid=FEAE639C19A4823162A4F5A1FBC2A7DC?q=Wernher+von+Braun&search=Search NASA Images]

    Einzelnachweise

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